Bindegewebstumoren brauchen spezialisierte Zentren

Werden die myxoiden Liposarkomzellen (MLS 402) mit steigenden Mengen eines Wirkstoffes behandelt, der die FGFR-Signale hemmt, wachsen sie langsamer und sterben schließlich ab. Quelle: AG PD Dr. Merkelbach-Bruse: Helen Künstlinger

Bindegewebstumoren, sog. Sarkome, können prinzipiell überall im Körper entstehen und sich von dort ausbreiten. Erschwerend kommt hinzu, dass sie selten sind und in jedem Lebensalter vom Säugling bis zum Greis auftreten. Über hundert verschiedene Sonderformen sind bekannt, die sehr unterschiedliche Verläufe nehmen können.

Experten für Bindegewebstumoren tagen am Uniklinikum Tübingen

Die frühzeitige Erkennung, zielgerichtete Diagnostik und Therapie von Weichteilsarkomen ist daher für die Patienten überlebenswichtig. Hier besteht in der bisherigen Versorgungsstruktur in Deutschland noch großer Nachholbedarf. Experten fordern, dass Betroffene – wie in anderen europäischen Ländern – ausschließlich an spezialisierten Zentren wie dem Zentrum für Sarkomforschung und -behandlung am Tübinger Universitätsklinikum unter Beteiligung der chirurgischen Disziplinen, Strahlentherapie und Innere Medizin behandelt werden.

Acht bis zehn solcher Zentren könnten in Deutschland die Versorgung spürbar verbessern.
Eine nationale Arbeitsgruppe unter dem Dach der Deutschen Krebsgesellschaft tagt vom 7. bis 8. März 2008 in Tübingen. Themen sind die aktuelle Diagnostik und Behandlung, neue Therapiekonzepte und die strukturellen Versorgungsprobleme in Deutschland.

Verlauf einer Weichteilsarkomerkrankung
Herr O., 59 Jahre alt, war vor einigen Jahren im Bereich des rechten Oberschenkels an einem Weichteilsarkom erkrankt. Schon die Bestimmung der entsprechenden Weichteilsarkom-Sonderform durch den Pathologen war schwierig. Herr O. wurde operiert und anschließend bestrahlt. Im Rahmen der Nachkontrollen zeigten sich jedoch Absiedlungen von Krebszellen des Sarkoms in der Lunge. Der Befall war so ausgedehnt, dass eine chirurgische Entfernung der Lungenmetastasen nicht möglich war. Nach einer Chemotherapie kam es zu einem Fortschreiten der Erkrankung.

Hilfe durch neue Medikamente

Durch die zunehmende molekularbiologische Differenzierung von Sarkomen konnten in den letzten Jahren vermehrt wirksame Medikamente für bestimmte Sonderformen der Erkrankung entwickelt werden. Es zeichnete sich ab, dass es kein Sarkom als solches gibt, sondern dass diese Erkrankungsgruppe aus einer Vielzahl von biologisch sehr unterschiedlich verlaufenden Erkrankungen besteht.

„Beispiele für sehr gute Behandlungsmöglichkeiten bei Sarkomen sind der gastrointestinale Stromatumor (vom Bindegewebe ausgehender Tumor des Magen-Darm-Traktes, GIST), das Dermatofibrosarcoma protuberans (ein Weichteiltumor der Haut) oder das großzellige Fibroblastom (ein bestimmter Haut- und Unterhautkrebs)“, erklärt Prof. Dr. Jörg Thomas Hartmann, Hämatoonkologe und Leiter des Zentrums für Weichteilsarkome, GIST und Knochentumoren am Südwestdeutschen Tumorzentrum Tübingen.

„Für einen Großteil der Patienten mit Sarkomen des erwachsenen Typs bleiben jedoch derzeit konventionelle Zellgifte (Chemotherapie) die Therapie der Wahl“, so Hartmann, „allerdings wird inzwischen differenzierter behandelt.“ Aktuell wurde – nach über 25 Jahren – Ende
2007 ein neues Medikament, das insbesondere bei Liposarkomen und Leiomyosarkomen wirksam ist, entwickelt und zugelassen. Was bedeutet dies für Herrn O.? Für ihn steht eine Therapie zur Verfügung, mit der die Chance besteht, seine Lebensqualität zu erhalten und eine Lebensverlängerung zu bewirken.

Je früher desto besser!
Grundsätzlich ist die frühzeitige Erkennung, zielgerichtete Diagnostik und die Therapie von lokalisierten Weichteilsarkomen wichtig. Hier bestehen große Schwächen in der bisherigen Versorgungsstruktur in Deutschland. Die Experten fordern daher, Patienten mit tief sitzenden Schwellungen (mit einer Größe ab 5 cm) wie in anderen europäischen Ländern ausschließlich an spezialisierten Zentren zu behandeln.

Grundpfeiler der Therapie für Patienten mit Sarkomen des erwachsenen Typs sind dabei die operative Therapie, unter Einschluss plastischer Rekonstruktionen, und die gewebeschonende Hochpräzisionsbestrahlung.

Die Tübinger Expertentagung soll hierfür erste Ansätze ggf. sogar konkrete Forderungskataloge der Mediziner erarbeiten, die zeitnah umgesetzt werden sollen. „In Deutschland würden flächendeckend 8 bis 10 Zentren ausreichen“, so Professor Lothar Kanz, Geschäftsführender Direktor des Tumorzentrums Tübingen. „Wir arbeiten intensiv daran, dass wir bei seltenen Erkrankungen eine spürbare Versorgungsverbesserung in Deutschland erreichen können. Das Zentrum für Weichteilsarkome, GIST und Knochentumoren am Tübinger Uniklinikum ist ein nennenswertes Beispiel einer Strukturverbesserung bei dieser seltenen Erkrankung in der Region Südwestdeutschland“, so Professor Michael Bamberg, Ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums Tübingen.

Ansprechpartner für nähere Informationen
Universitätsklinikum Tübingen
Professor Dr. Jörg T. Hartmann
Otfried-Müller-Str. 10, 72076 Tübingen
Tel. 0 70 71 / 29-8 21 27,
Fax 0 70 71 / 29-56 89
Joerg-Thomas.Hartmann@med.uni-tuebingen.de

Pressemitteilung vom Universitätsklinikum Tübingen
Professor Dr. Jörg T. Hartmann


Krebszeitung

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