Blasenschwäche: Längst kein unheilbares Leiden mehr

Patientin - pixabay

Viele der millionen Frauen, die unter Harninkontinenz leiden, ziehen sich aus dem sozialen Leben zurück oder lassen sich ihren Alltag von ihrer Krankheit diktieren, nicht wenige unter ihnen leiden an Depressionen. Dies ist nicht nur eine erhebliche Belastung der Lebensqualität – es ist auch meist unnötig, denn in rund 90 Prozent der Fälle ist eine Heilung oder zumindest deutliche Besserung durch Training, verbesserte Medikamente und nötigenfalls Operationen möglich. Allerdings sollte die Behandlung durch spezialisierte Ärztinnen und Ärzte erfolgen.

Angesichts der demographischen Entwicklung ist damit zu rechnen, dass die Zahl der Patienten mit behandlungsbedürftiger Inkontinenz – heute schon sechs Millionen in Deutschland – weiter ansteigen wird. Frauen leiden sehr viel häufiger unter „Blasenschwäche“ als Männer – für die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie ist die Urogynäkologie (die sich zum Beispiel auch mit Senkungsbeschwerden oder Darmfunktionsstörungen befasst) aus diesen Gründen ein zentrales Thema.

Viele Frauen unterwerfen sich bei der Planung der Lebensabläufe ihrer Blase: Wenn überhaupt verlassen sie ihre Wohnung nur, wenn sie wissen, dass eine Toilette schnell erreichbar ist. Viele der Betroffenen schweigen sogar gegenüber ihrem Arzt, weil sie fälschlicherweise denken, Inkontinenz sei unabwendbare Folge des Alterungsprozesses. Ein Hinweis darauf ist der gleichbleibend hohe Umsatz mit Hilfsmitteln gegen Inkontinenz trotz erheblicher therapeutischer Fortschritte.

Inkontinenz kann – je nach Lebensphase – verschiedene körperliche, mitunter auch psychosomatische Ursachen haben und tritt in unterschiedlichen Formen auf. Deshalb kommt es auf genaue Diagnose und gezielte Therapie an. In vielen Regionen Deutschlands gibt es dafür mittlerweile Beckenbodenzentren. Im Beckenbodenzentrum (BBZ) Nordhessen arbeiten über 30 an der Diagnostik, Therapie und Rehabilitation beteiligte Gynäkologen, Urologen, Neurologen, Proktologen und Rehabilitationsmediziner aus Klinik und Praxis zusammen, und zwar nach festgelegten Qualitätsstandards für Diagnostik, konservative Therapie, prä-operatives Management, Operationsindikationen und postoperatives Management. Diese Art der fachübergreifenden Zusammenarbeit hat sich bewährt, denn durch einen intensiven Austausch und die ständige Fortbildung können die am BBZ beteiligten Ärzte den Patienten immer modernste, aussichtsreiche Diagnose- und Therapieverfahren anbieten.

Besonders häufig ist die Belastungsinkontinenz, bei der meist schon ein Husten, Niesen oder das Tragen eines Einkaufskorbes zu unkontrolliertem Harnverlust führt. Hier hilft oft schon eine gezielte Gymnastik zur Stärkung der Beckenbodenmuskulatur oder eine Elektrostimulation, bei der Stromimpulse die Kontraktionsfähigkeit der Beckenbodenmuskulatur und des Blasenschließmuskels verbessern. In einigen Fällen hilft auch eine Therapie durch Medikamente, die den Harndrang reduzieren und die Blasenmuskulatur beeinflussen. Dank neuer Substanzen und Darreichungsformen (zum Beispiel Pflaster statt Tabletten) sind inzwischen auch die Nebenwirkungen deutlich geringer geworden.

Wenn auch die medikamentöse Therapie erfolglos bleibt, kann die Belastungsinkontinenz häufig durch einen operativen Eingriff nachhaltig behoben werden. Erfahrene Urogynäkologen setzen heute oft ein spannungsfreies Vaginal-Band ein. Dies geschieht durch minimalinvasive Eingriffe, bei denen unter örtlicher Betäubung nur winzige Schnitte nötig sind. Das Blasen-Bändchen wirkt letztlich wie eine kleine Hängematte für die Harnröhre, die bei Belastungen den Harnverlust verhindert. Diese Mitte der 90er Jahre in Schweden entwickelte TVT- Methode (tension-free vaginal tape) ist inzwischen so weiter entwickelt worden, dass verletzliche Zonen wie Blase, Harnröhre und Gefäße verschont bleiben. Wenige Tage nach dem Eingriff können die Patientinnen bereits wieder nach Hause gehen – in der Regel beschwerdefrei.

Bei der Dranginkontinenz leiden die Patientinnen unter einer überaktiven Blasenmuskulatur. Sie verspüren geradezu überfallartig einen Harndrang und müssen zum Teil mehrmals pro Stunde die Toilette aufsuchen. Auch hier gibt es heute gestufte Therapiemöglichkeiten. Nach einem einfachen Blasentraining wird in der Regel zunächst mit einer medikamentösen Behandlung versucht, die Überaktivität der Blasenmuskulatur beziehungsweise der Blasenverschlussmuskeln zu dämpfen. Zudem kann eine hyperaktive Blase mit Elektrostimulationsverfahren durch leichte Stromimpulse desensibilisiert werden. Bei schweren Formen der Dranginkontinenz kann der Blasenmuskel durch die Injektion von Botulinum-Toxin beruhigt werden.

Welche Form von Inkontinenz auch immer vorliegt: In allen Fällen müssen die Betroffenen erst einmal ihre Hemmschwelle überwinden und sich einem Arzt anvertrauen, der sie gegebenenfalls an ein spezialisiertes Zentrum weiter leitet.

Ansprechpartner:

Prof. Dr.med. Thomas Dimpfl
Klinikum Kassel,
Frauenklinik und Beckenbodenzentrum Nordhessen
Mönchebergstraße 41-43, 34125 Kassel
Tel.: 0561/980-3040 Fax: 0561/980-6947
dimpfl@klinikum-kassel.de

Medienkontakt:

MWM-Vermittlung
Pressestelle DGGG-Kongress 2008
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mwm@mwm-vermittlung.de

Pressetext von Prof. Th. Dimpfl, Kassel


Krebszeitung

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