Brustkrebsfrüherkennung ist kein Placebo

Plakatmotiv Ich bin dabei - Kooperationsgemeinschaft Mammographie | Urs Kuckertz Photography

Lübecker Krebsforscher plädiert für Seriosität in der Bewertung des Mammographie-Screening

„Warten, bis man den Brustkrebs spürt, und dann erst zum Arzt – das ist keine Option“, stellt Prof. Alexander Katalinic klar. Der Wissenschaftler vom Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie der Universität zu Lübeck und des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein warnt vor voreiligen Schlüssen aus selektierten Studien und zeigt die Konsequenzen für das Mammographie-Screening-Programm auf.

„Je früher ein Brustkrebs erkannt wird, umso besser ist die Prognose, umso schonender ist die Therapie. Ist der Brustkrebs bei Entdeckung kleiner als zwei Zentimeter, leben nach zehn Jahren noch über 95 Prozent der betroffenen Frauen. Hat der Tumor erst in den Körper gestreut, sind es nur noch 12 Prozent. „Diese Erkenntnis ist nicht neu und lässt sich jedem Lehrbuch der Frauenheilkunde entnehmen“, betont Katalinic. Den Brustkrebs in einem frühen und damit günstigen Stadium zu erwischen, gelingt nur mit systematischer Früherkennung. Das Mammographie-Screening ist hier die Methode der Wahl.

Die aktuelle Diskussion, ob das Mammographie-Screening nicht sogar überflüssig sei, ist aus Sicht von Katalinic kontraproduktiv: „Bei der ganzen Diskussion sollte man im Auge behalten, dass die Kritiker ihre Aussagen im Wesentlichen auf ausgewählte negative Studien zum Mammographie-Screening stützen, die zur Aussage kommen, ein Rückgang der Brustkrebssterblichkeit sei nicht zu beobachten.“

Dabei blieben laut Katalinic folgende Aspekte unerwähnt:

  • Es gibt hochwertige Studien, die aus den 1980er Jahren stammen, die eine Mortali-tätsreduktion durch Mammographie-Screening in der Größenordnung von 15 – 30 Prozent zeigen.
  • Obwohl die Studien aus einer Zeit sind, die mit der heutigen Technik und Qualität des Mammographie-Screening nicht mehr vergleichbar sind, stellte sich ein Rückgang der Brustkrebssterblichkeit ein.
  • Die Qualität und Technik der Mammographie von 1980 wird kommentarlos mit der Qualität der heutigen digitalen Mammographie gleichgesetzt. Dies ist ein Vergleich, der offensichtlich hinkt und daher nur sehr bedingt Schlüsse auf aktuelle Programme zulässt.
  • Die Kritiker nutzen für ihre Argumentation auch so genannte Beobachtungsstudien, die äußerst fehleranfällig sind. Die grundlegende Prämisse dieser Studien ist zweifelhaft. Es wird angenommen, dass vor der Einführung des Mammographie-Screening keinerlei Mammographien zur Früherkennung durchgeführt wurden. In Deutschland z.B. gab es jedoch bereits seit den 1980er Jahren eine ausgeprägte Mammographie-Kultur, die sicher auch zum kontinuierlichen Rückgang der Brustkrebssterblichkeit in Deutschland geführt haben dürfte.
  • Auffällig ist, dass die Kritiker des Mammographie-Screenings hauptsächlich „negative“ Beobachtungsstudien zur Argumentation verwenden, während Beobachtungsstudien mit positiven Ergebnissen, die es in vergleichbarer Zahl gibt, für das Mammographie-Screening systematisch ausgeblendet werden.
  • Tod ist ein wichtiger, aber nicht der einzige Endpunkt einer Früherkennung.

Für eine Brustkrebspatientin ist es absehbar ein Unterschied, ob sie sich nur einer schonenden Operation mit Erhalt der Brust, einer Amputation der Brust oder einer Chemotherapie unterziehen muss. Diese Endpunkte sind bislang zu wenig berücksichtigt worden und müssen stärker in den wissenschaftlichen Fokus gebracht werden.

Diesen Argumenten folgend, sei eine faire Bewertung des deutschen Mammographie-Screening-Programms, das erst 2005 begonnen hat, noch gar nicht möglich. Das Programm ist langfristig wissenschaftlich eng zu begleiten und die Ergebnisse der vom Bundesamt für Strahlenschutz initiierten Evaluation der Brustkrebssterblichkeit abzuwarten.

„Forderungen, heute das Mammographie-Screening abzuschaffen, sind sachlich und fachlich nicht tragbar und kommen den Bedürfnissen der Frauen in der Brustkrebsfrüherkennung nicht entgegen“, hält der Epidemiologe Katalinic fest. „Alternativen zum Mammographie-Screening werden von den Kritikern nicht genannt, und zwar auch deshalb, weil es keine gibt. Die Alternative, keine Brustkrebsfrüherkennung mehr zu betreiben, ist keine.“

Das Mammographie-Screening sollte aus Sicht von Katalinic aber noch weiter verbessert werden. Insbesondere die Aufklärung über das Screening, über die bekannten Nebenwirkungen und die zu erwartenden Effekte könnten im Schulterschluss beispielweise mit der Selbsthilfe optimiert werden.

Kontakt:
Universität zu Lübeck
Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie
Prof. Dr. Alexander Katalinic
Ratzeburger Allee 160, Haus 50
D-23562 Lübeck
Tel: +49 451 5005440
Email: alexander.katalinic@uksh.de


Krebszeitung

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