Erste Brustzentren nach europäischen Standards akkreditiert

Patientin - pixabay

Die Behandlungsqualität von Brustkrebspatientinnen nach europäischen Standards anpassen. Darum wurden 12 Brustzentren benannt, welche gemeinsam die Akkreditierung nach den strengen Standards der Europäischen Gesellschaft für Brustkunde (EUSOMA) beantragt haben. Diese Standards sind auch vom EU-Parlament bestätigt. Nun wurden die ersten beiden Kliniken – die Universitätsfrauenkliniken von Lübeck und Kiel – akkreditiert. Experten bezeichneten dies auf dem 55. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe in Hamburg“als Meilenstein auf dem Weg zu einer Versorgung von Brustkrebspatientinnen auf höchstem Niveau“.

Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe will nicht warten, bis die bislang in Deutschland praktizierte Zertifizierung von Brustzentren alle Anforderungen der europäischen Standards erfüllt. (Nach diesen Standards wurden bis Juni diesen Jahres 44 Zentren akkreditiert.)

Darum beauftragte die Gesellschaft zwölf große Universitätsfrauenkliniken, sich nach den strengen EU-Richtlinien akkreditieren zu lassen. „Die großen Universitätskliniken haben keine Probleme damit, die strengeren Kriterien der EUSOMA zu erfüllen und den politischen Vorgaben zu folgen“, erklärt Professor Walter Jonat, Direktor der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein – Campus Kiel. Die beiden Frauenkliniken des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein – Campus Lübeck (Direktor: Professor Klaus Diedrich) und Campus Kiel (Direktor: Professor Walter Jonat) wurden als erste der zwölf Kliniken Ende letzter Woche akkreditiert.

Die Akkreditierung erfolgt durch ein international besetztes Expertengremium des EUSOMA-Vorstandes. „Wenn die Akkreditierung in allen europäischen Ländern angelaufen ist, dürfte es langfristig nationale Gremien geben, welche diese Funktion übernehmen und koordinieren“, sagt Jonat. Als erste europäische Klinik überhaupt wurde von der EUSOMA die Frauenklinik der Universität Zürich akkreditiert. Das Gremium überprüft bei der ersten Akkreditierung die Strukturqualität der Kliniken. Doch binnen eines Jahres, wenn die erneute Akkreditierung fällig wird, steht bereits die Behandlungsqualität auf dem Prüfstand: Dann geht es um Überlebensraten von Patientinnen, die Rate an Krankheitsrückfällen oder den Anteil brusterhaltender Operationen.

Kritik an bisheriger Zertifizierungspraxis

Die in Deutschland bislang von zwei Fachgesellschaften – Deutsche Krebsgesellschaft und Deutsche Gesellschaft für Senologie – aufgestellten Zertifizierungskriterien, ließen beispielsweise Hintertüren für jene Zentren offen, welche die nötigen Operationszahlen nicht erfüllen: Mindestens 150 neu diagnostizierte Brustkrebserkrankungen soll ein Zentrum jährlich behandeln, jeder Operateur soll mindestens 50 Eingriffe pro Jahr vornehmen. Da dies manche Kliniken nicht schaffen, können sich mehrere Häuser einer Region zusammenschließen, um so diese Hürde zu nehmen. Insbesondere diese Regelung löste in Fachkreisen und bei Patientinnen-Organisationen scharfe Kritik aus. Ebenso fordert die EUSOMA, dass jedes Mitglied des Kernteams in seinem Fachgebiet auf Brustkrebs spezialisiert ist – auch dies fehlt in den bisherigen deutschen Richtlinien.

Abgeschwächt wurde auch die EU-Vorgabe, dass jede Patientin interdisziplinär beraten und behandelt wird. Die hierzulande bislang zertifizierten Zentren müssen in den ersten beiden Jahren 20 Prozent der Patientinnen und binnen drei Jahren die Hälfte der Frauen interdisziplinär behandeln. Ebenso fehlt in den deutschen Richtlinien die unabhängige und externe Überprüfung der Behandlungsergebnisse.

„Es ist nicht auszuschließen“, so Jonat, „dass es in Deutschland noch eine Zeit lang zwei Stufen der Zertifizierung geben wird: eine mit geringeren Anforderungen, die regional oder lokal zum Einsatz kommt und eine für die überregionalen Zentren, die auch heute schon die europäischen Kriterien erfüllen.“

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Weitere Informationen finden Sie unter:
www.dggg.de

Anmerkung der Redaktion:

Am 24.9. erreichte uns eine Pressemeldung der Deutschen Krebsgesellschaft, die wir trotz der Gefahr der Verunsicherung von Brustkrebspatientinnen hier untenstehend abdrucken möchten, da es unser Anliegen ist, in unserer O­nline-Zeitung möglichst umfassend zu informieren. Wir wollen uns hier auf keine der beiden Zertifizierungsarten festlegen.

Stellungnahme der Deutschen Krebsgesellschaft e.V. zur Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe vom 15. September 2004

Zweites Gütesiegel verunsichert Brustkrebspatientinnen – Kritik am bisherigen Zertifizierungsverfahren unberechtigt

Frankfurt/M. „Die Einführung einer zweiten Zertifizierung von Brustzentren nach EUSOMARichtlinien, wie sie von der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologe und Geburtshilfe (DGGG) letzte Woche in Hamburg vorgestellt wurde, könnte zu einer erneuten Verunsicherung von Brustkrebspatientinnen in Deutschland beitragen“, erklärte Prof. Michael Bamberg, Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft e.V.

„Die Begründung für die Einführung eines zweiten Gütesiegels in mangelnden Standards der bisherigen Zertifikats- Brustzentren zu suchen, ist irreführend und erweckt den Eindruck, dass Patientinnen keine optimale Behandlung erhalten würden – das ist falsch“, ergänzt der ehemalige Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft, Prof. Klaus Höffken, der maßgeblich an der Ausarbeitung der Zertifizierungsrichtlinien beteiligt war. Höffken befürchtet weiter, dass nun der Eindruck einer Zwei-Klassen-Versorgung von Brustkrebspatientinnen entstehen könnte.

Jede Frau, die nicht in einer dieser 12 Zentren behandelt wird, fühlt sich womöglich nicht optimal versorgt. Dies widerspricht dem Vorhaben der Deutschen Krebsgesellschaft, flächendeckend eine optimale Versorgung von Brustkrebspatientinnen zu sichern. „In den 50 durch die Deutsche Krebsgesellschaft zertifizierten Brustzentren können die Patientinnen sicher sein, nach internationalem Standard behandelt zu werden “, erklärt Prof. Bamberg.

Seit Sommer 2003 bietet die Deutsche Krebsgesellschaft gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Senologie auf freiwilliger Basis ein Zertifzierungsverfahren für Brustzentren an. In einem mehr als dreijährigen Entwicklungs- und Evaluierungsprozeß wurde ein Kriterienkatalog mit 173 Punkten aufgestellt und interdisziplinär mit allen Fachgesellschaften, die an der Behandlung des Brustkrebses beteiligt sind, abgestimmt.

Dieser Katalog umfasst die Kriterien der Europäischen Gesellschaft für Brusterkrankungen (EUSOMA), soweit sie im Gesundheitswesen der Bundesrepublik umsetzbar sind. In den meisten Punkten gehen die Forderungen der Deutschen Krebsgesellschaft sogar über diejenigen der EUSOMA hinaus.

So verlangt etwa das Verfahren der Fachgesellschaften den Nachweis, dass das Brustzentrum ein allgemein anerkanntes Qualitätsmanagement-System eingeführt hat, das von einer von der Fachgesellschaft unabhängigen Zertifizierungsgesellschaft überprüft worden ist und jährlich neu überprüft wird. Damit hebt sich dieses Verfahren von üblichen Zertifizierungen der medizinischen Fachgesellschaften ab und geht in einem für die Qualität der Versorgung entscheidenden Punkt deutlich über die Kriterien der EUSOMA hinaus. Ebenso entwickelt die DKG aussagefähige Dokumentations-Programme zur Qualitätssicherung, die in Zukunft entscheidende Bedeutung für die Bewertung von Zentren haben werden.

Die EUSOMA hat die Veröffentlichung überarbeiteter Kriterien angekündigt. Die DKG/DGS streben eine Harmonisierung mit der europäischen Gesellschaft an, ein erstes gemeinsames Treffen ist bereits im Oktober vorgesehen. „Unser Verfahren bleibt auf keinem Fall hinter den europäischen Standards zurück, im Gegenteil: es geht in vielen Punkten über diese hinaus“ betont Bamberg. Insgesamt wurden bereits 50 Zentren zertifiziert, einige stehen bereits vor der Re-Zertifizierung. „In keinem europäischen Land wurden bereits so viele Zertifizierungsverfahren für Brustzentren wie in Deutschland durchgeführt“, erläutert der Präsident, „jetzt wollen wir unsere nationalen Erfahrungen im Aufbau eines Zertifizierungsverfahrens für die Überarbeitung der EUSOMA-Kriterien zur Verfügung stellen.“

Pressestelle der Deutschen Krebsgesellschaft e.V.
Herr André Franck
Tel. (03643) 82 82 84 • Fax (03643) 82 82 85
EMail: presse@krebsgesellschaft.de
Internet: www.krebsgesellschaft.de

Pressemitteilung Pressestelle der Deutschen Krebsgesellschaft e.V.


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