Patientenkompetenz – für Profis?

Patientin - pixabay

Heute fanden in Berlin, während des 27. Deutschen Krebskongress auch zwei Symposien über die Bedeutung der Patientenkompetenz statt, das erste mit dem Leitthema: „Was ist Patientenkompetenz?“ unter dem Vorsitz von Prof. G. Nagel und im Anschluss daran ein von der Bundesorganisation Selbsthilfe Krebs e.V. initiiertes Symposium: „Initiativen zur Förderung der Patientenkompetenz“.

Anteil der kompetenten Patienten erhöhen

Frau A. Boop aus Hamburg definierte dazu im ersten Symposium von Prof. Nagel zunächst, wie die heute definierte Patientenkompetenz entstanden ist und was sie bedeutet. Demnach ist heute der kompetente Patient über seine Erkrankung informiert und meist in der Lage, mit seinem behandelnden Arzt in Augenhöhe und gleichberechtigt, in eigener Selbstbestimmung, die für ihn zumutbaren Therapieoptionen selbst zu bestimmen und so seinen Weg aus der Krankheit individuell zu wählen. Frau Boop nannte hierzu einige positive Beispiele , wo die Betroffenen ihre Krankheit auch durch komplementär- oder alternativmedizinische Behandlungsformen überwinden konnten.

Frau Hilde Schulte, von der Frauenselbsthilfe nach Krebs e.V., wies darauf hin, dass kompetente Patienten dazu die Informationsmöglichkeiten und den Austausch von gleich betroffenen Menschen brauchen, um hier bei dem Überangebot von Behandlungsmöglichkeiten nicht den Überblick zu verlieren, um auch die für Ihre Krebsart beste Möglichkeit Ihres Behandlungsweges für sich zu finden. Hier achtet die Krebs Selbsthilfe aber genau drauf, dass sie nur die Beratungen leistet, die nicht die professionelle Beratung durch erfahrende Mediziner tangiert. Dennoch werden Patientenschulungen durch erfahrene Mediziner von der Krebs Selbsthilfe angeboten und Publikationen veröffentlicht, um den Anteil der kompetenten Patienten zu erhöhen.

Die Konsequenzen daraus, denen sich zukünfitig Mediziner, wie auch unser Gesundheitssystem stellen werden muss, werden zukünftig erforscht werden. So erarbeiten gerade Freiburger Psychoonkologen einen umfassenden Fragebogen, der sich mit dem Thema Patientenkompetenz und der Bedeutung von kompetenten Patienten auf ihren Heilungsprozess befasst.

Dem gegenüber war das Symposium der Bundesorganisation Selbsthilfe Krebs e. V., unter dem Vorsitz von E. Bergemann nicht nur in meinen Augen eine Farce. Und dies aus folgendem Gründen:

Eine sich entwickelnde Patientenkompetenz bei jedem einzelnen Patienten kann nur selbstgesteuert, ohne Einflussnahme von Medizinern, Pharmafirmen, klinischen Einrichtungen, Krankenkassen, Medienfirmen oder einer sonst auf Profit ausgerichteten Institution erfolgen. Nicht umsonst wenden sich Betroffene hier an die Krebs- Selbsthilfegruppen zum Austausch untereinander. Hier finden sie kompetente Gleichbetroffene, die ihnen einen Weg aus ihrer Krankheit zeigen können. Aber jeder Betroffene selbst muss seinen eigenen Weg aus seiner Erkrankung finden.

Alle drei Vorträge der Bundesorganisation Selbsthilfe Krebs e.V. hatten aber gerade eines gemeinsam – Sie wurden von Vertretern eines Vereins, einer neu entstandenen Privatklinik und einer Mediafirma gehalten – , die allesamt schon allein deshalb, dass sie einen bestimmten Berufszweig vertreten, hier eine uneigennützige Beratungsfunktion hin zu einem kompetenten Patienten nicht übernehmen können.

Es kam aber noch schlimmer: Bei dem Symposium der Bundesorganisation Selbsthilfe Krebs e.V. wurden die Vorzüge einer neu entstandenden Privatklinik in Freiburg präsentiert, die als ein Ziel hat, sich für Patientenkompetenz und die Beratung von Patienten für ihren Behandlungsweg einzusetzen. Der Eindruck einer Werbeveranstaltung entstand nicht nur bei mir. Auf Nachfrage von Patienten, der bei Bergemann oganisierten Selbsthilfegruppen, ergab sich zudem, dass Beratungsangebote dieser Klinik nur privat zahlenden Patienten gewährt werden können, die sich diese Leistung ja von ihrer privaten Krankenkasse zurück erstatten lassen können.

Fazit aus den beiden Symposien, die dieses so wichtige Thema so gegensätzlich darstellten:

Nur ein selbstbestimmter, kompetenter Patient kann entscheiden, welche Behandlungsform für ihn selber die beste ist. Hier ist er jedoch nicht nur auf die Hilfe der kompetenten medizinischen Fachkräfte angewiesen, sondern wird auch immer die Hilfe von Gleichbetroffenen benötigen, die ihm durch die Auseinandersetung und Bewältigung ihrer Krankheit helfen können, seinen eigenen Weg aus der Krankheit zu finden. Deshalb darf die Bedeutung einer unabhängig tätigen Krebs- Selbsthilfe nicht von professionell arbeitenden Einrichtungen verdrängt werden und ist Bestandteil der sich immer weiter entwickelnden Kompetenz jedes einzelnen Patienten.

Der Weg, den die Vorträge  an diesem Tag zeigten, kann in meinen Augen nur zu einem gezielt gesteuerten Patienten führen, der zu profitablen Therapieformen geführt werden soll. Patientenkompetenz darf nicht für komerzielle Zwecke misbraucht werden.

Detlef Höwing


Krebszeitung

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