Urologen setzen auf Forschung

Pressekonferenz über die Priorisierung und ForschungsförderungPressekonferenz über die Priorisierung und Forschungsförderung

„Wissenschaftlicher Fortschritt entscheidet über unsere Zukunft“

Dresden/ Homburg, 05.02.2013. Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Urologie e.V. ist überzeugt: „Wenn ein wissenschaftliches Fachgebiet aufhört, die kontinuierliche Erzeugung von wissenschaftlichem Fortschritt als seine wesentliche Daseinsberechtigung zu definieren, wird es auf die Dauer seine Existenzgrundlage verlieren.“

Die Wissenschaftsstruktur in der Urologie zu fördern, ist für Prof. Dr. Michael Stöckle deshalb eine Herzensangelegenheit. In den zehn Jahren seiner Vorstandstätigkeit gelang es der Fachgesellschaft in einer großen gemeinsamen Kraftanstrengung, vorhandenem Wissenschaftsdefizit in der Urologie mit der Gründung des Forschungsressorts, der Arbeitgemeinschaft Urologische Forschung (AUF), des Urologischen Studienregisters und der Etablierung der Eisenberger-Stipendien zu begegnen.

„Beim Aufbau einer nachhaltigen Forschungslandschaft an deutschen Urologischen Universitätskliniken haben wir erhebliche strukturelle Verbesserungen erreicht, die der Öffentlichkeit und insbesondere natürlich dem wissenschaftlichen Nachwuchs sichtbar machen, dass wissenschaftlicher Fortschritt auf der Agenda der DGU ganz weit oben steht“ sagt der Direktor der Klinik für Urologie und Kinderurologie am Universitätsklinikum des Saarlandes.

Als DGU-Präsident zeigt er das in bisher einmaliger Weise, indem er seinen Kongress gemeinsam mit der Jahrestagung der „EAU Section of Urological Research“ (ESUR) veranstaltet. Damit trägt der 65. DGU-Kongress, der vom 25. bis 28. September 2013 unter dem Motto „Grenzen überwinden – Zukunft gestalten“ in Dresden stattfindet, schon jetzt eine sehr persönliche Handschrift. Von der europäischen-urologischen Forscherelite profitieren „Es ist ganz sicher nicht mein Ziel, den DGU-Kongress völlig umzukrempeln. Die gemeinsame Ausrichtung beider Tagungen wird ein einmaliges Ereignis bleiben.

Der ESUR-Kongress, der unter der Leitung von Prof. Dr. Kerstin Junker zum ersten Mal seit vielen Jahren in Deutschland ausgerichtet wird, hat in aller Regel ca. 250 Teilnehmer, unsere Jahrestagung wurde in den letzten Jahren von mehr als 7.000 Teilnehmern besucht. Insofern wird es natürlich völlig unproblematisch bleiben, dem an deutschsprachiger Fortbildung Interessierten auch weiterhin ein durchgängiges und breit gefächertes Fortbildungsprogramm in deutscher Sprache zu bieten“, betont Prof. Stöckle.

Vielmehr bedeute die gemeinsame Tagung die einmalige Chance, sich von der Anwesenheit der europäischen-urologischen Forscherelite inspirieren zu lassen, die eigene Wissenschaftsstruktur weiter zu entwickeln und den DGUKongress in seiner bisherigen Rolle zu stärken. Englisch als internationale Wissenschaftssprache gehöre dazu.

„Ohne die englische Sprache wird sich der DGU-Kongress auf eine reine Fortbildungsveranstaltung reduzieren. Dies kann nicht Interesse der Deutschen Urologie sein. Mittelfristiges Ziel muss daher sein, unseren Kongress zweigleisig zu gestalten mit einem Fortbildungsprogramm in deutscher Sprache und einem Wissenschaftskongress, in dem die deutsche Sprache nicht verboten werden wird, in dem die englische Sprache aber unverzichtbares Medium sein wird. Nur durch die Kombination dieser beiden Strukturelemente wird der DGU-Kongress seine bisherige Bedeutung behalten und vielleicht auch weiter ausbauen können.“

Die Jahrestagung in Dresden 2013 ist ein erster Schritt auf diesem Weg. Dort will der DGUPräsident aktuelle Kontroversen aus dem Themengebiet der Uro-Onkologie in den Mittelpunkt stellen und gemäß seinem Kongressmotto Grenzen überwinden und Zukunft gestalten.

„In erster Linie geht es um die Überwindung selbstgesetzter Grenzen und um eine Weiterentwicklung des Faches durch eine verbesserte Dialogfähigkeit untereinander und mit Partnern, die ein interdisziplinäres Arbeiten ermöglichen. Das betrifft ganz besonders den Dialog zwischen Klinik und Grundlagenforschung. Der Fortschritt entsteht ja nicht zuletzt an der Schnittstelle zwischen Klinik und Labor; je mehr Berührungsflächen wir dort schaffen, desto mehr Kreativität und Innovationskraft werden wir erzeugen.“ Auch die Dialogfähigkeit untereinander gelte es zu stärken: zum Beispiel in Pro- und Contra- Diskussionen über hochaktuelle Kontroversen wie die Prostatektomie im knochenmetastasierten Tumorstadium oder die operative Therapie von Lymphknotenrezidiven nach Prostatektomie.

Last but not least, so Prof. Stöckle, soll Dialogbereitschaft aber auch über die Grenzen des Fachgebietes hinaus gefördert werden, beispielsweise im Disput um den richtigen Umgang mit der PSA-gestützten Früherkennung des Prostatakarzinoms. Namhafte Befürworter und Kritiker des PSA-Screenings, wie Klaus Koch als Vertreter des IQWiG, werden in Dresden mitdiskutieren.

Derzeit ist der Umgang mit der PSA-gestützten Früherkennung für den DGU-Präsidenten in vielfacher Weise unbefriedigend: „In der Laienpresse, häufig auch in der nicht-urologischen Fachpresse; manchmal sogar in urologischen Journalen wird die PSA-gestützte Früherkennung schlechter geredet als es der Datenlage entspricht. Bedauerlicherweise schlagen auch manche Urologen aus schwer nachvollziehbaren Gründen auf diese Trommel. Die S3-Leitlinie hat sich immerhin auf den begrüßenswerten Minimalkonsens verständigt, dass man den früherkennungswilligen Patienten über PSA, seine Vorteile und seine Nachteile aufklären soll.

Dies führt zwangsläufig dazu, dass der Patient, der sich für den PSA-Wert entscheidet, diesen aus eigener Tasche bezahlen muss.“ Umgekehrt sei unbestreitbar, dass sich der PSA-Test auch missbrauchen lasse und dass er auch missbraucht werde: unter anderem durch zu viele Tests, zu viele Biopsien, zu viele Stanzzylinder, überzogene diagnostische und therapeutische Konsequenzen aus Biopsiebefunden. An der Grundproblematik einer mangelhaften Datenlage, lasse sich, laut dem Saarländer Urologen und bekennenden PSA-Verfechter, zurzeit nicht viel ändern. „Instrumente wie die Risiko-adaptierte Früherkennung, die aktive Beobachtung, längerfristig vielleicht auch die Ergebnisse der PREFERE-Studie aber können Wege skizzieren, die aus der derzeitigen Blockade-Situation herausführen, und möglicherweise können wir in Dresden die Tür zur Fortführung des Dialogs in einem Diskussionsklima des gegenseitigen Vertrauens aufstoßen.“

Herausforderung Wettbewerbsdruck

Wer Zukunft gestalten will, muss sich ihren Herausforderungen stellen. Verschärfter Wettbewerbsdruck vor allem aufgrund einer zu großen Krankenhausdichte in Deutschland sei die größte für die Urologie, so der DGU-Präsident. „Die Urologie ist von diesen Zwängen deshalb besonders betroffen, weil sie als attraktives Fachgebiet im Verdrängungswettbewerb der Krankenhäuser gilt. Sie ist nicht so investitionsintensiv wie Neurochirurgie oder Herzchirurgie, sie kommt ohne eigene Beatmungsstationen aus, sie sorgt aber andererseits trotzdem für einen sehr hohen Patientenumsatz im stationären Bereich. Unser Fach gibt weniger Patienten vom stationären in den ambulanten Sektor ab als viele andere Fachgebiete.

Aus diesem Grund versuchen aber sehr viele Krankenhäuser, eine urologische Abteilung zu behalten oder gar hinzu zu bekommen. Dies führt zu einer Verzettelung der urologischen Landschaft, die nicht im Sinne der Urologen und schon gar nicht im Sinne der Patienten sein kann. Zu kleine Einheiten sind nicht mehr in der Lage, in ihrer Binnenstruktur die wachsende Komplexität der Urologie abzubilden. Abstriche im Behandlungsspektrum, Abstriche in der Subspezialisierung und in der Umsetzungsgeschwindigkeit des medizinischen Fortschritts und im Zweifelsfall auch Einschränkungen in der Qualität sind die unvermeidliche Folge einer solchen Überversorgungsstruktur.“

Die Öffnung der Grenzen zwischen ambulanter und stationärer Urologie habe dieses Problem weiter verschärft. Sie habe in den unterversorgten Gebieten wahrscheinlich wenig, oder gar nichts gebracht und den Wettbewerbsdruck in den überversorgten Regionen sogar weiter zugespitzt.

„Dieser Problemberg wird uns durch äußere Marktbedingungen, durch strukturelle Fehlentscheidungen der Gesundheitspolitik und durch die Fehljustierung vieler anderer Stellschrauben von außen aufgezwungen. Die Urologie wird diese Probleme aus eigener Kraft nicht lösen können, sie wird trotz allem versuchen müssen, die Spur zu halten und Schadensbegrenzung zu betreiben: Aufrechterhalten des medizinischen Fortschritts im Sinne der Patienten ist sicherlich das übergeordnete Ziel, an dem wir uns orientieren müssen.“ Hier schließt sich der Kreis für Prof. Stöckle, denn medizinischer Fortschritt basiert auf den von ihm beschworenen Forschungsanstrengungen.

Aktuelle Erfolge in der medikamentösen Therapie des Nierenzellkarzinoms oder des Prostatakarzinoms zeigen dies exemplarisch. „Es ist sehr wahrscheinlich, dass wir erst am Anfang einer Entwicklung stehen, bei der es auf Dauer auch nicht zuletzt darauf ankommen wird, die Biologie des individuellen Tumors so gut zu verstehen, dass man für den betroffenen Patienten aus der Vielzahl der mittelfristig verfügbaren Medikamente nicht mehr nach dem Zufallsprinzip, sondern gezielt das Richtige auswählen kann. Bei der medikamentösen Tumortherapie stehen wir bekanntermaßen im Wettbewerb mit anderen Fachgebieten.

Dieser Wettbewerb wird mit hoher Wahrscheinlichkeit von dem gewonnen werden, der die besten Grundlagenforscher auf seiner Seite hat, die ihn bei der Medikamentenauswahl und bei der Steuerung der Therapie unterstützen können“, so der DGU-Präsident. Der Generalist ist Vergangenheit Der Blick auf die Neuzulassungen bei der medikamentösen Tumortherapie – Abiraterone darf bereits jetzt auch bei Chemotherapie-naiven Patienten verordnet werden, die Zulassung von MDV 3100 steht vor der Tür und auch beim Nierenzellkarzinom wird es die eine oder andere medikamentöse Innovation geben – macht zudem deutlich, dass die Komplexität dieser Behandlungsabläufe zunehmen wird.

Das hat Konsequenzen für den einzelnen Urologen. Prof. Stöckle: „Sowohl in Klinik wie auch in Praxis sind für die Behandlung solcher Patienten Subspezialisierungsprozesse unabdingbar. Der urologische Generalist, der von der BPH über die Andrologie, die Neurourologie und die Inkontinenztherapie bis in die letzten Verästelungen der medikamentösen Tumortherapie noch das gesamte Spektrum des Fachgebiets aus eigener Kraft abdecken kann, wird der Vergangenheit angehören. Die Urologie braucht subspezialisierte und vernetzte Strukturen, um die zunehmende Komplexität der Abklärungs- und Behandlungspfade noch abbilden zu können.“

Auch darüber werden Urologinnen und Urologen im September auf dem 65. DGU-Kongress debattieren. „Wir wollen in Dresden bei offenem Visier diskutieren, mit interessanten Gästen und Aha-Effekten für alle Teilnehmer“, sagt der ehemalige DGU-Generalsekretär, der nach einer Dekade im Vorstand der Fachgesellschaft in seinem Präsidentenjahr nun noch einmal alles daran setzt, die Dialogfähigkeit in der Urologie zum Wohle des Faches und der Patienten zu intensivieren.

Weitere Informationen:
DGU-Kongress-Pressestelle
Bettina-Cathrin Wahlers
Tel: 040 – 79 14 05 60
Mobil: 0170 – 48 27 28 7
E-Mail: redaktion@bettina-wahlers.de
www.dgu-kongress.de

DGU-Pressestelle Bettina-Cathrin Wahlers


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