Ärzte verstehen Statistiken zur Krebsfrüherkennung nicht

Krebssymbol - pixabay
Krebssymbol - pixabay

Nachdem der Diskussionsbedarf über Nutzen und Schaden von Krebsfrüherkennungs-Untersuchungen in den letzten Jahren zugenommen hat, brauchen Patienten heute mehr denn je Ärzte, von denen sie sich hierzu kompetent beraten lassen können. Eine nun veröffentlichte Studie des Harding Zentrums für Risikokompetenz am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung an über 400 US-amerikanischen Allgemeinärzten zeigt jedoch, dass die Mehrzahl der Ärzte diesbezüglich relevante von irrelevanten – und sogar fehlleitenden – Informationen nicht unterscheiden kann.

Obwohl höhere Überlebensraten und eine höhere Anzahl an durch Früherkennung entdeckten Tumoren (gestiegene Inzidenz) nicht beweisen, dass die Früherkennung wirklich Leben rettet, werden diese Statistiken häufig verwendet, um für die Untersuchung zu werben. Dies nicht ohne Grund: Wie die Autoren der jetzt in Annals of Internal Medicine erschienenen Studie aufdecken, glaubt ein Großteil der befragten Ärzte, dass höhere Überlebensraten und eine gestiegene Inzidenz ein Beweis dafür seien, dass durch die Früherkennung die Krebssterblichkeit gesenkt werden könne. 69% der befragten Ärzte empfahlen deshalb eine Früherkennung, die mit diesen irrelevanten Daten beworben wurde. Im Gegensatz dazu ließen sich aber nur 23% der Ärzte von dieser Früherkennung überzeugen, wenn sie mit relevanten Daten, nämlich der meist viel geringer ausfallenden Reduktion der Sterblichkeitsrate, beschrieben wurde.

Warum ist eine gestiegene Überlebensrate nicht gleichbedeutend mit einer gesunkenen Sterblichkeitsrate?

Man stelle sich eine Gruppe von Männern vor, die im Alter von 67 Jahren auf Grund von Symptomen Prostatakrebs diagnostiziert bekommen und drei Jahre später daran sterben. Die Fünfjahres-Überlebensrate beträgt dann 0%. Nimmt man nun an, diese Männer wären zur Früherkennung gegangen und ihre Krankheit wäre dadurch deutlich früher, beispielsweise bereits mit 60 Jahren, entdeckt worden, und wieder würden alle im Alter von 70 Jahren sterben, so erhöht sich die Fünfjahres-Überlebensrate von 0% auf 100%. Dies jedoch, ohne dass tatsächlich ein einziges Leben gerettet wird. Über drei Viertel der befragten Ärzte war dieser Zusammenhang jedoch nicht bewusst.

Was ist das Risiko einer gestiegenen Inzidenz, und warum ist sie nicht gleichbedeutend mit einer gesunkenen Sterblichkeitsrate?

Beinahe die Hälfte der Ärzte saßen einem weiteren Irrglauben auf: dass eine höhere Anzahl an durch Früherkennung entdeckten Tumoren zeige, dieses würde Leben retten. Doch kann es beispielsweise bei langsam wachsenden Prostatatumoren, die so entdeckt werden, aber die betroffenen Personen gesundheitlich nie beeinträchtigt hätten, zu Überbehandlung kommen. Die Behandlung ist für solche Patienten dann ohne Nutzen (keine Leben werden gerettet), während sie jedoch zusätzlich dem Risiko von Nebenwirkungen wie Inkontinenz und Impotenz ausgesetzt werden.

Vor dem Hintergrund, dass Früherkennungsuntersuchungen häufig mit genau diesen Daten angepriesen werden und Patienten geraten wird, ihre Entscheidung mit ihrem Arzt zu diskutieren, sind die Ergebnisse dieser Studie höchst brisant.

Für die Studie wurden in den Jahren 2010 und 2011 insgesamt 412 US- amerikanische Allgemeinärzte befragt.

Hintergrundinformationen

Die Studie
Wegwarth, O., Schwartz, L. M., Woloshin, S., Gaissmaier, W., & Gigerenzer, G. (2012). Do physicians understand cancer screening statistics? A national survey of primary care physicians. Annals of Internal Medicine 156:340-349.

Harding Zentrum für Risikokompetenz
Im Fokus der Forschung des wissenschaftlichen Teams um Prof. Dr. Gerd Gigerenzer steht die Vision des mündigen Bürgers, der mit den Risiken einer modernen technologischen Welt kompetent umzugehen versteht. Das Harding Zentrum wurde durch die großzügige Spende des Londoner Global Investment Managers David Harding gegründet und ist an das Max-Planck- Institut für Bildungsforschung in Berlin angegliedert.

Max-Planck-Institut für Bildungsforschung
Das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung wurde 1963 gegründet und widmet sich als interdisziplinäre Forschungseinrichtung dem Studium der menschlichen Entwicklung und Bildung. Das Institut gehört zur Max-Planck- Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V., einer gemeinnützigen und unabhängigen Forschungsorganisation.

Kontakt:
Dr. Odette Wegwarth
Senior Research Scientist
Max-Planck-Institut für Bildungsforschung
Harding-Zentrum für Risikokompetenz
Lentzeallee 94
D-14195 Berlin
E-Mail: wegwarth@mpib-berlin.mpg.de

Pressemitteilung Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Dr. Britta Grigull


Krebszeitung

--Download Ärzte verstehen Statistiken zur Krebsfrüherkennung nicht als PDF-Datei --


  • Wissenschaftler untersuchen, wie Antikörper gesundes Gewebe von Leukämiepatienten am besten schützen können. © Dirk Mahler/Fraunhofer
    Leukämie
    Protein hebelt zellulären Schutzmechanismus aus Hamburg (05.08.2014) – Krebsgen aus dem „Molekülbaukasten“: Ein aus falsch zusammengesetzten DNA-Strängen entstandenes Kombi-Protein mit dem Namen PML-RAR-alpha lässt neue Krebszellen entstehen. Der PML-Teil des Proteins sorgt dafür, einen zellulären [...mehr lesen]
  • Struktur des Mikrophthalmie-assoziierten Transkriptionsfaktors MITF. Deutlich erkennbar ist der neu entdeckte Knick. Strukturelle Veränderungen durch Mutationen bei Menschen (Tietz- oder Waardenburg-Syndrom) sind rot markiert, solche bei der Maus in Orange. - Bild: Vivian Pogenberg, EMBL Hamburg
    Hautkrebs
    Nachgereichte Daten verbessern Bewertungsergebnis Bei Frauen mit BRAF-V600-wt-Tumor steigt Ausmaß des Zusatznutzens auf beträchtlich, bei Männern auf erheblich Nivolumab (Handelsname Opdivo) ist seit Juni 2015 für Erwachsene mit fortgeschrittenem Melanom (schwarzer Hautkrebs) zugelassen. Das Institut [...mehr lesen]

Google News – Gesundheit

  • Zahl der Ebola-Toten steigt Behörden bestätigen Opfer im Kongo
    am 26. Mai 2018 um 16:25

    Zahl der Ebola-Toten steigt Behörden bestätigen Opfer im Kongo  Kölnische RundschauDeutschland unterstützt Kampf gegen Ebola-Ausbruch im Kongo  Yahoo Nachrichten DeutschlandDrei Patienten fliehen aus Klinik in Mbandaka  SPIEGEL ONLINE„Es kam zur Katastrophe, weil politisch versagt […]

  • Meine Gelddruckmaschine
    am 26. Mai 2018 um 14:42

    Meine Gelddruckmaschine  wallstreet-onlineFull coverag […]

  • Mit neuer Antibiotika-Alternative bakterielle Infektionen bekämpfen
    am 26. Mai 2018 um 14:33

    Mit neuer Antibiotika-Alternative bakterielle Infektionen bekämpfen  Heilpraxisnet.deFull coverag […]

  • WHO warnt vor Nipah-Erreger
    am 26. Mai 2018 um 12:29

    WHO warnt vor Nipah-Erreger  tagesschau.deRisiko einer Infektion mit den Nipah-Virus für Touristen gering  Ärzte ZeitungNipah-Virus 2018: Killer-Virus! Droht uns jetzt eine Pandemie?  news.deFull coverag […]

  • Schwerste Grippewelle im Südwesten seit Jahren ist vorüber
    am 26. Mai 2018 um 07:22

    Schwerste Grippewelle im Südwesten seit Jahren ist vorüber  Süddeutsche.deUngewöhnlich schwere Grippewelle - mehr als 1600 Tote  SPIEGEL ONLINERobert Koch-Institut: Bilanz: Ungewöhnlich starke Grippewelle - mehr als 1600 Tote  FOCUS OnlineGrippewelle fiel ungewöhnlich stark […]