Bauchfellkrebs: RUB-Mediziner entwickeln neue Methode der Chemotherapie

Immunzellen (T-Zellen) im Bauchspeicheldrüsenkrebs, die ihre Entzündungsstoffe (Zytokine) über den alternativen p38-Signalweg bilden und dadurch das Tumorwachstum fördern. Pathologisches Institut, Universitätsklinikum Heidelberg
Immunzellen (T-Zellen) im Bauchspeicheldrüsenkrebs, die ihre Entzündungsstoffe (Zytokine) über den alternativen p38-Signalweg bilden und dadurch das Tumorwachstum fördern. Pathologisches Institut, Universitätsklinikum Heidelberg

Mehr Lebensqualität für hoffnungslose Fälle?
RUBIN Frühjahr 2013 ist erschienen

Mit einem feinen Aerosol eines Chemotherapeutikums, das unter Druck direkt in die Bauchhöhle eingebracht wird, versuchen Spezialisten im RUB-Klinikum Marienhospital Herne, den tödlichen Bauchfellkrebs zurückzudrängen, um den Patienten Lebenszeit und -qualität wiederzugeben. Erste Ergebnisse sind ermutigend: In Einzelfällen ist es gelungen einen Rückgang der Tumore auszulösen. In der Onkologie eine kleine Revolution. Über ihre Arbeit berichtet RUBIN, das Wissenschaftsmagazin der Ruhr-Universität, in seiner aktuellen Ausgabe.

Sechs bis zwölf Monate sind die Lebenserwartung mit Bauchfellkrebs

Bauchfellkrebs – diese Diagnose kommt heute einem Todesurteil gleich. Fast immer sind die Tumore Metastasen anderer Krebsgeschwüre, und fast immer führen sie zum Tod. „Sechs bis zwölf Monate, so lang ist die Lebenserwartung eines Patienten mit Bauchfellkrebs im Durchschnitt“, sagt Prof. Dr. Marc André Reymond, Abteilungsleiter im Marienhospital. Rund 20.000 Menschen in Deutschland sind jedes Jahr davon betroffen. Die meisten haben mehrere Chemotherapielinien hinter sich, deren Wirksamkeit sich von Mal zu Mal abschwächt und deren Nebenwirkungen erheblich sind. Bauchfelltumore sprechen darauf ohnehin nicht gut an. „Von einer Chemotherapie, die über die Vene verabreicht wird, kommt nur wenig ein kleiner Teil der Dosis in diesen Tumoren an“, so Prof. Reymond.

Chemotherapeutikum in den Bauchraum vernebeln

Er und sein Team haben eine neue Methode entwickelt, mit der sie hoffen, die Krebsgeschwüre direkter erreichen und zurückdrängen zu können. Gemeinsam mit Ingenieuren konstruierten sie ein Gerät, das das Chemotherapeutikum, das sonst in den Blutkreislauf geleitet wird, unter Druck direkt in die Bauchhöhle vernebelt. Das feine Aerosol wird durch zwei winzige Schnitte in der Bauchdecke eine halbe Stunde lang appliziert. Durch die Vernebelung und den Druck erreichen die Mediziner, dass das Medikament bis in die kleinsten Winkel der Bauchhöhle gelangt und dass es tiefer in das Tumorgewebe eindringt, das im Vergleich zu gesundem Gewebe einen erhöhten inneren Druck aufweist. Spülungen mit Chemotherapeutika perlen deswegen daran ab wie Wasser vom Gefieder eines Vogels.

Ermutigende Ergebnisse

Die Herner Mediziner haben das neue Verfahren namens PIPAC (Pressurized IntraPeritoneal Aerosol Chemotherapy) zunächst im Rahmen so genannter Heilversuche bei Patienten im Endstadium der Krankheit angewandt, je zwei- bis viermal in sechswöchigen Intervallen. Um zu untersuchen, ob das Medikament tatsächlich wie erhofft in das Tumorinnere eindringt, nahmen sie bei jeder Behandlung Gewebeproben. Ergebnis: Das Chemotherapeutikum war nach einer halben Stunde Expositionszeit bis in ca. 500 Mikrometer Tiefe des Tumorgewebes nachweisbar, deutlich tiefer als bei jeder anderen Art der Behandlung. Bauchspiegelungen und Gewebeproben, die im Abstand von mehreren Wochen nach der Behandlung durchgeführt wurden, zeigten wiederholt eine objektive Rückbildung des Bauchfelltumors.

Vorsichtiger Optimismus: Lebensqualität und Zeit gewinnen

„Diese Ergebnisse sind für uns und die Patienten ermutigend“, sagt Prof. Reymond. „Aber wir müssen vorsichtig bleiben und dürfen keine allzu großen Hoffnungen machen: Wir behandeln Patienten im Endstadium der Krebskrankheit. Es ist eine Gratwanderung zwischen berechtigter Hoffnung und Wünschen, die vom Menschen nicht erfüllbar sind. Größere Studien, die zeigen werden, ob sich die Wirkung des Verfahrens statistisch belastbar nachweisen lässt, folgen erst jetzt.“ Anfang 2013 starteten die Forscher eine erste Phase-II-Studie mit 50 Patientinnen, bei denen der Bauchfellkrebs ursprünglich auf Eierstockkrebs zurückzuführen ist. „Wir werden mit unserem Verfahren in den meisten Fällen den Krebs nicht heilen können“, unterstreicht Prof. Reymond. „Aber wir können ein bisschen mehr Zeit und Lebensqualität zurückgeben – das ist für die Patienten, die verzweifelt und ohne Hoffnung zu uns kommen, unendlich viel.“

Themen in RUBIN

In RUBIN finden Sie außerdem folgende Themen: Memoria Romana – das Gedächtnis des alten Rom erforschen; Ein neues Uhrwerk für die Geologie; Welche Rolle spielen Proteine bei der Krebsentstehung?; Piraten im Mittelmeer: Gefahr von hoher See; Grübeln: Wenn sich die Gedanken im Kreis drehen; Parkinson: Monotone Märchen verraten Schluckstörungen; Vietnam: Die Bergbaulandschaft neben dem Urlaubsparadies; Mit Argusaugen in der Energieforschung; Organspende: Vertrauen verspielt. RUBIN ist in der Stabsstelle Strategische PR und Markenbildung der Ruhr-Universität zum Preis von 4,- Euro erhältlich (Tel. 0234/32-22830).

Weitere Informationen
Prof. Dr. med. Prof. h.c. (KGZ) Marc Reymond, Spezielle onkologische Chirurgie, Marienhospital Herne, Klinikum der Ruhr-Universität Bochum, Hölkeskampring 40, 44625 Herne, Tel.: 02323 499-1478, Fax: 02323 499-392, E-Mail: marc.reymond@marienhospital-herne.de

Redaktion: Meike Drießen


Krebszeitung

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  • In Leukämiezellen (hier lila) wird durch das neue Medikament der Signalweg zum natürlichen Absterben wieder freigemacht. Foto: Universitätsklinikum Ulm
    Forschung

    Welche Rolle spielt die Umgebung der blutbildenden Stammzellen bei Leukämie und Lymphom?

    Eine von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Forschergruppe wird künftig die Untersuchung der Umgebung von blutbildenden Stammzellen vorantreiben. Sprecher der Gruppe ist Privatdozent Dr. Robert Oostendorp von der III. Medizinischen Klinik für Hämatologie/Onkologie des Klinikums rechts der Isar der Technischen Universität München. Ziel ist es, die unmittelbare Umgebung der Blutstammzellen im Knochenmark besser zu verstehen, um mit diesem Wissen Krankheiten des Blut- und Lymphsystems besser behandeln zu können. Die DFG fördert die Gruppe mit 2,5 Millionen Euro zunächst für drei Jahre.

    Dass Stammzellen, die für die Blutbildung verantwortlich sind, im Knochenmark vorkommen, ist bekannt. Wie wichtig auch ihre unmittelbare Umgebung, die so genannte hämatopoetische Nische, ist, wird jedoch erst seit kurzem genauer untersucht. Die Forscher vermuten, dass die Nische zwei wichtige Funktionen erfüllt: Zum einen gehen sie davon aus, dass die Blutstammzellen in der Nische ruhig gehalten werden und in Stresssituationen, wie bei Wunden oder Infektionen, aber auch bei Bestrahlungen oder Chemotherapie, vom Körper freigesetzt werden, um neues Blut zu bilden. Zum anderen nehmen sie an, dass eine kontinuierliche Freisetzung von Blutstammzellen Krebs verursachen könnte. Neue Blutzellen entstehen durch Zellteilung, bei jeder Teilung entstehen bis zu 1.000 Mutationen, von denen jedoch nur ein Teil repariert werden kann. Unreparierte Mutationen könnten langfristig Krebserkrankungen wie Leukämie oder Lymphome auslösen.

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  • Aktuelles Brustkrebswissen: Inge Althaus von Komen Deutschland (3.v.l.) übergibt Andrea Hahne vom Sana Klinikum Hameln-Pyrmont die erste Pink-Infotasche. Mit dabei waren Helmut Kiesewalter von der Volksbank Hameln-Stadthagen, Jutta Bergmann von der Stiftung der Niedersächsischen Volksbanken und Raiffeisenbanken und der Chefarzt der Gynäkologie Dr. med Thomas Noesselt Foto: Sana Klinikum
    Brustkrebs

    Aktuelles Brustkrebswissen: Inge Althaus von Komen Deutschland (3.v.l.) übergibt Andrea Hahne vom Sana Klinikum Hameln-Pyrmont die erste Pink-Infotasche. Mit dabei waren Helmut Kiesewalter von der Volksbank Hameln-Stadthagen, Jutta Bergmann von der Stiftung der Niedersächsischen Volksbanken und Raiffeisenbanken und der Chefarzt der Gynäkologie Dr. med Thomas Noesselt                                                       Foto: Sana KlinikumHameln/Frankfurt – Der gemeinnützige Verein zur Heilung von Brustkrebs Komen Deutschland liefert jetzt 20.000 „Pink-Infotaschen“ in ganz Deutschland aus. Die Taschen werden von DHL Paket an rund 170 zertifizierte Brustzentren in den 16 Bundesländern verschickt. Damit erhält mehr als jede vierte Frau, die in diesem Jahr neu an Brustkrebs erkrankt, wichtige und aktuelle Informationen der Fachgesellschaften, aktuelle Patientenratgeber, Leseproben, Flyer von Selbsthilfegruppen und eine Broschüre von Komen Deutschland.

    „Von außen eine Tasche wie viele, doch das Innenleben ist wie ein Care-Paket mit elementaren und wichtigen Informationen für Frauen, die neu an Brustkrebs erkrankt sind“, sagte Andrea Hahne in Hameln, die als eine der ersten die neue „Pink-Infotasche“ des gemeinnützigen Vereins für die Heilung von Brustkrebs Komen Deutschland in der Hand hielt. „Diese Taschen habe ich als Patientin kennen gelernt, und ich gebe sie nun mit Überzeugung an unsere Patientinnen weiter.“ Andrea Hahne, die nach eigener Brustkrebserkrankung ein psychosoziales Beratungsangebot am Sana Klinikum Hameln-Pyrmont aufgebaut und das BRCA-Netzwerk für Familien mit erblichem Brustkrebs mit gegründet hat, erhielt im Brustzentrum des Sana Klinikums Hameln-Pyrmont am 3. September eine von etwa 2.000 Taschen für Niedersachsen, wofür die Stiftung der Niedersächsischen Volksbanken und Raiffeisenbanken die Kosten übernommen hat.

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