Der Pathologe als Lotse der Krebstherapie

Immunzellen (T-Zellen) im Bauchspeicheldrüsenkrebs, die ihre Entzündungsstoffe (Zytokine) über den alternativen p38-Signalweg bilden und dadurch das Tumorwachstum fördern. Pathologisches Institut, Universitätsklinikum Heidelberg
Immunzellen (T-Zellen) im Bauchspeicheldrüsenkrebs, die ihre Entzündungsstoffe (Zytokine) über den alternativen p38-Signalweg bilden und dadurch das Tumorwachstum fördern.Pathologisches Institut, Universitätsklinikum Heidelberg

Dresden. Eine Reihe neuer molekularer Medikamente versprechen zielgerichtete Therapien – zum Beispiel beim Dickdarmkrebs. Die Tumorzellen werden passgenau mit Antikörpern oder anderen Molekülen behandelt, die die Weiterleitung von Wachstumssignalen unterbrechen. Der Pathologe nimmt hierbei eine entscheidende Rolle ein: Er untersucht das Tumorgewebe nicht nur unter dem Mikroskop, sondern mit weiteren Methoden auch bis ins Molekül und bestimmt so die anschließende Behandlung des einzelnen Patienten entscheidend mit. Das Dresdner Institut für Pathologie am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus gilt bundesweit als ein Zentrum für die prädiktive onkologische Diagnostik, das heißt, hier erfolgt die individuelle Vorhersage, ob die neuen, maßgeschneiderten Krebstherapien beim Patienten ansprechen.

Dresdner Pathologen bestimmen durch aktuelle molekulargenetische Analyseverfahren die maßgeschneiderte Krebstherapie mit

„Bei einigen Krebsarten werden molekular-pathologische Verfahren der prädiktiven onkologischen Diagnostik bereits eingesetzt, so dass wir mit diesen neuen Methoden voraussagen können, welche Therapieform wirkt oder besser nicht eingesetzt werden sollte“, erläutert Professor Gustavo Baretton, Direktor des Dresdner Instituts für Pathologie und Wissenschaftler am Universitäts KrebsCentrum Dresden. Ein aktuelles Beispiel stellt die Vorhersage der Pathologen in Fällen von metastasiertem Dickdarmkrebs (kolorektales Karzinom) dar, bei denen der Tumor bereits in andere Organe gestreut hat.

Neue Medikamente in Form voll- oder teilhumanisierter Antikörper, die gezielt an den Tumorzellen wirken, ermöglichen bei den betroffenen Patienten in Kombination mit Chemotherapie eine verbesserte Behandlung. Zur Entwicklung solcher neuartiger Medikamente hat ein besseres Verständnis der Wachstumsregulation von Tumorzellen beigetragen: So besitzen Krebszellen an ihrer Oberfläche spezifische Bindungsstellen (Rezeptoren), die auch Wachstumssignale empfangen und weiterleiten. Mit einem spezifischen Antikörper gegen einen solchen Rezeptor kann dieser blockiert und die Tumorzelle gezielt an ihrem Wachstum gehindert werden.

Beim Dickdarmkrebs wurde der so genannte Epidermale Wachstumsfaktor-Rezeptor (EGFR) als spezifische Bindungsstelle an der Zelloberfläche identifiziert. Verschiedene klinische Studien haben gezeigt, dass seine Blockade zu einer Verbesserung des Therapie-Erfolges führen kann. Dies gilt jedoch nur, wenn die Signalübertragung ungestört zum Zellkern weitergeleitet wird. Die Rezeptorblockade kann aber durch eine weitere krankhafte Aktivierung des Signalwegs innerhalb der Zelle „ausgehebelt“ werden. Das ist bei einem Teil der Patienten mit metastasiertem Dickdarmkrebs der Fall, bei denen das so genannte KRAS-Onkogen verändert (mutiert) ist. Das KRAS-Onkogen aktiviert unter anderem dauerhaft die EGFR-Signalübertragungskette in der Zelle und führt zum Wachstum – unabhängig davon, ob Signale vom spezifischen Rezeptor an der Zelloberfläche empfangen werden oder ob dieser blockiert wird. Die Pathologen wissen eindeutig, bei Patienten mit KRAS-mutierten Tumoren spricht die Anti-EGFR-Therapie nicht an.

„Wir können mit der Mutationsanalyse des Onkogens KRAS, die wir im Jahr 2008 an knapp 800 Fällen durchgeführt haben, die etwa 40 Prozent der an metastasiertem Dickdarm erkrankten Patienten herausfiltern, bei denen diese neue zielgerichtete Antikörper-Therapie nicht anschlagen würde“, berichtet Professor Baretton. „Ihnen wird auf diese Weise eine wirkungslose Behandlung erspart, und überdies werden unnötige Kosten für das Gesundheitssystem vermieden.“
Das Dresdner Institut für Pathologie war 2008 eines von bundesweit sieben Referenz-zentren, in denen erstmals routinemäßig und qualitätsgesichert mit molekular-pathologischen Methoden der KRAS-Status bei Patienten mit metastasiertem Dickdarmkrebs vor einer geplanten Anti-EGFR-Therapie bestimmt wurde. Die Referenzzentren haben sich zusammengeschlossen, um mit einer gemeinsamen Strategie diese molekular-pathologischen Verfahren in ganz Deutschland einzuführen und dadurch die individuelle Vorhersage für die anschließende Therapie zu verbessern. In Ringversuchen müssen die Referenzzentren immer wieder die Qualität ihrer Analysen nachweisen: Hierfür erhalten mehrere Zentren dasselbe Tumormaterial zur Untersuchung, und alle müssen abschließend zum gleichen Ergebnis kommen.

Als überregionale Anlaufstelle erhält das Dresdner Institut für Pathologie Krebsgewebeproben zur individualisierten Analyse aus ganz Deutschland. Neben Tumorgewebe bei Dickdarmkrebs werden auch ähnliche molekular-pathologische Untersuchungen vorgenommen, beispielsweise am Brustkrebsgewebe (Her2/neu-Onkogen). Zusätzlich wird hierfür bei keinem Patienten Gewebe entnommen, denn die Untersuchungen werden am archivierten Tumorgewebe durchgeführt, das ohnehin bei einem operativen Eingriff zur Diagnose oder Therapie der Krebserkrankung gewonnen wurde. Dieses Tumorgewebe wird in Paraffinblöcken eingebettet in den Archiven der Institute für Pathologie gelagert.

Da allerdings nicht alle molekularen Untersuchungen am Paraffinmaterial möglich sind, wird derzeit am Universitäts KrebsCentrum Dresden (UCC) – mit Unterstützung der Deutschen Krebshilfe e. V. und mit dem Einverständnis der jeweiligen Patienten – eine Tumor- und Normalgewebebank aufgebaut. Bei jeder Operation fällt Tumor- und Normalgewebe an, das nicht weiter für diagnostische Zwecke benötigt wird. Dieses wird nun schockgefroren und in speziellen Kühlschränken der Tumor- und Normalgewebebank des UCC archiviert.

Die Pathologen werden, laut Professor Gustavo Baretton, zunehmend zum Verwalter der entnommenen Tumoren, um zukünftig bei verbesserter Diagnostik dem einzelnen Patienten verbesserte Therapie-Empfehlungen geben zu können, aber auch, um die Krebsforschung am Gewebe voranzubringen: „In der Pathologie archivierte Tumoren und Normalgewebe sind der Goldschatz für die biomedizinische Forschung des 21. Jahrhunderts.“

Professor Baretton erwartet, dass demnächst weitere neue Medikamente zur individualisierten Therapie von Magenkrebs, Kopf-Hals-Tumoren und Lungenkrebs zur Verfügung stehen, bei denen prädiktive, molekular-pathologische Untersuchungen die Therapie mit beeinflussen werden. Der Pathologe wird so zum Lotsen der Therapie. Am Universitäts KrebsCentrum Dresden sind die Pathologen von daher in die täglichen Tumorboards integriert, einem regelmäßig tagenden, fachübergreifenden Expertengremium, das die auf den einzelnen Patienten abgestimmte, bestmögliche Krebstherapie festlegt.

Weitere Informationen:

Professor Dr. Gustavo Baretton
Direktor des Instituts für Pathologie

Tel. (0351) 458-3000

E-Mail: Gustavo.Baretton@uniklinikum-dresden.de

Das Universitäts KrebsCentrum Dresden (UCC) ist bundesweit eines von zehn universitären „Onkologischen Spitzenzentren“ der Deutschen Krebshilfe e.V. Diese Auszeichnung erhielt das UCC 2007 nach einer internationalen Begutachtung als eines der ersten Spitzenzentren in Deutschland. Das Universitäts KrebsCentrum Dresden wurde 2003 gemeinsam vom Universitätsklinikum und der Medizinischen Fakultät Carl Gustav Carus als Comprehensive Cancer Center für umfassende interdisziplinäre Versorgung krebskranker Patienten, Krebsforschung und Lehre gegründet. Seit 2004 ist das UCC nach DIN EN ISO 9001:2000 zertifiziert. Im Universitäts KrebsCentrum Dresden arbeiten in sämtlichen onkologischen Disziplinen hoch spezialisierte Fachärzte zusammen, um für die einzelnen Patienten eine individuell abgestimmte, optimale multidisziplinäre Therapie zu erzielen. Viele Spezialisten sind nicht nur erfahrene Ärzte, sondern darüber hinaus als Hochschullehrer und Krebsforscher tätig. Damit ist sichergestellt, dass der modernste Wissensstand bei jedem Schritt von der Diagnostik bis zur Behandlung berücksichtigt wird.

Am Universitäts KrebsCentrum richtet das Deutsche Krebsforschungszentrum ab 2010 eine Dresdner Partnerstelle des Krebsinformationsdienstes ein, die Fragen von Patienten, Angehörigen und Ärzten in den neuen Bundesländern zum Thema Krebs kostenlos und kompetent beantworten wird.

Pressemitteilung des KrebsCentrum Dresden


Krebszeitung

--Download Der Pathologe als Lotse der Krebstherapie als PDF-Datei --


  • Patientin - pixabay
    Deutsche Krebshilfe

    Bonn / Magdeburg (ct) – Patientenbeteiligung verbessert die Behandlungs-Ergebnisse und spart Kosten im Gesundheitswesen – etwa, weil unnötige Untersuchungen oder Doppelbefunde vermieden werden können. Um eine aktive Partnerschaft zwischen Arzt und Patient im Sinne des so genannten „Shared Decision Making“ zu erreichen, müssen Betroffene jedoch mitbestimmen können. Dies forderten die Frauenselbsthilfe nach Krebs und die Deutsche Krebshilfe auf einer Pressekonferenz am 3. September 2004 in Magdeburg. An den Gemeinsamen Bundesausschuss appellierten sie daher, den Patientenvertretern nicht nur Rede-, sondern auch Stimmrecht einzuräumen. Mit der Einrichtung eines Patientenbeirates trägt die Deutsche Krebshilfe der wichtigen Bedeutung einer Patientenbeteiligung Rechnung. Dieser Beirat fungiert als Sprachrohr und Anwalt für Krebs-Patienten.

    […mehr lesen]

  • Links die normale Lage der Nebennieren (gelbe Pfeile) im Körper, rechts ein Nebennieren-karzinom in einer kernspintomographischen Darstellung. Bild: Medizinische Klinik
    Nierenkrebs

    Der beste Parameter zur Bestimmung der Nierenfunktion ist die glomeruläre Filtrationsrate (GFR), die jedoch nicht direkt gemessen, sondern nur über indirekte Clearance-Verfahren bestimmt werden kann. Das übliche Vorgehen zur Bestimmung der GFR war bisher die Berechnung der Kreatinin-Clearance aus dem 24-Stunden-Sammelurin – eine recht aufwändige Messmethode. Daher wurde in der Praxis statt dessen oft nur die einfache Bestimmung des Serumkreatinin vorgenommen, welches allerdings wenig sensibel ist und eine große diagnostische Lücke offen lässt.

    […mehr lesen]

Google News – Gesundheit