Gutartige Tumoren der Ohrspeicheldrüse werden oft zu radikal operiert

nTMS-Kartierung eines Tumors (orange): In pink sind die Nervenbahnen und essentiellen Positionspunkte für Sprachregionen dargestellt, wichtige Punkte des Bewegungsareals sind in grün, Nervenbahnen in gelb abgebildet.
nTMS-Kartierung eines Tumors (orange): In pink sind die Nervenbahnen und essentiellen Positionspunkte für Sprachregionen dargestellt, wichtige Punkte des Bewegungsareals sind in grün, Nervenbahnen in gelb abgebildet.

Nürnberg – Rund 80 Prozent der Tumoren an der Ohrspeicheldrüse sind gutartig. Doch auch diese Geschwulste sollten entfernt werden, da sie zu bösartigen Tumoren mutieren und Schäden an umliegenden Blutgefäßen oder Nerven anrichten können. Eine komplette Entfernung der Speicheldrüse, wie sie derzeit noch häufig angewandt wird, birgt jedoch besonders hohe Risiken, etwa für eine Gesichtslähmung. Auf der morgigen Pressekonferenz in Nürnberg, stellen Experten der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde eine neue, schonende Methode vor und plädieren für ihren vermehrten Einsatz in ihrem Fachgebiet.

Wenn Chirurgen den Speicheldrüsentumor entfernen, kommen sie dem Hauptgesichtsnerv gefährlich nahe: „Der Nerv verläuft mitten durch die Speicheldrüse hindurch. Wird dieser bei der Operation beschädigt, leiden die Patienten unter vorübergehenden oder sogar lebenslangen Gesichtslähmungen“, erläutert Professor Dr. med. Heinrich Iro, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals- Chirurgie (DGHNO KHC).

Die Operationsmethode ist daher entscheidend für das Behandlungsergebnis. Mit dem bisherigen Standardeingriff, der Parotidektomie, ist das Risiko für Folgeschäden jedoch besonders hoch. Der Direktor der Hals-Nasen-Ohren-Klinik, Kopf- und Halschirurgie des Universitätsklinikums Erlangen plädiert daher für eine neuere Methode – die extrakapsuläre Dissektion. „Studien bestätigen, dass es sich um eine für den Patienten risikoärmere Methode handelt“, so Iro. Daher sollte hier dringend ein Umdenken bezüglich des Operationsstandards passieren.

Bei der bisher noch üblichen Parotidektomie entfernen Ärzte die gutartige Geschwulst samt Kapsel und umliegendem äußeren und gegebenenfalls inneren Drüsengewebe. Durch diese radikale Methode bricht der Tumor lediglich bei unter fünf Prozent aller Patienten wieder aus. „Dieser Vorteil wird jedoch mit einer großen Zahl an Folgeschäden erkauft“, kritisiert Iro. Denn bei einer Entfernung des kompletten Drüsengewebes treten bei durchschnittlich jedem dritten Patienten vorübergehende Gesichtslähmungen auf, da der Gesichtsnerv geschädigt wurde. Bei bis zu jedem zehnten Patienten sind diese Gesichtslähmungen sogar dauerhaft. Außerdem entwickeln über 30 Prozent der Patienten nach diesem Eingriff ein so genanntes Frey-Syndrom, eine außergewöhnliche Schweißproduktion an Gesicht und Hals. „Gerade bei gutartigen Erkrankungen sollten Ärzte jedoch den Nutzen des Eingriffs und das damit verbundene Risiko sorgfältig abwägen“, fordert Iro.

Eine Studie, die Iro und seine Kollegen am spezialisierten Speicheldrüsenzentrum in Erlangen durchführten, zeigt jetzt, dass bei 40 Prozent der Patienten die extrakapsuläre Dissektion diese Folgeschäden reduziert. Bei der Operationstechnik können die Chirurgen den Tumor samt Kapsel entfernen und gleichzeitig den Gesichtsnerv schonen. Von den Patienten zeigten nur sechs Prozent Anzeichen für eine vorübergehende Gesichtslähmung, lediglich bei zwei Prozent blieben die Lähmungserscheinungen bestehen. „Bisherige Untersuchungen verdeutlichen zudem, dass der gutartige Tumor dennoch nicht häufiger wieder nachwächst. „, betont Iro. Für einen großen Teil der Patienten bedeute diese Technik daher deutlich weniger Risiko.

Über die Risikominimierung bei Eingriffen an der Speicheldrüse und die Forderung, bisherige standardisierte Operationsmethoden zu überdenken, wird Professor Iro auf der morgigen Pressekonferenz anlässlich der 84. Jahresversammlung der DGHNO KHC berichten.

Literatur:
Klintworth et al.: Postoperative Complications After Extracapsular Dissection of Benign Parotid Lesions With Particular Reference to Facial Nerve Function, Laryngoscope 120: March 2010


Krebszeitung

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  • Gliom (rote Pfeile; obere Reihe), das bereits zum Zeitpunkt der ersten Operation begonnen hatte zu entarten. Untere Reihe: Nachgewachsener, jetzt sehr bösartiger Tumor (gelber Pfeil). © Foto: M. Simon/Neurochirurgie/UKB
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