Krebs – bald eine chronische Erkrankung?

Krebssymbol - pixabay
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„Der Krebs und ich, wir haben uns arrangiert“, sagt eine Brustkrebspatientin, die sich in einer anhaltenden Remission befindet. Das heißt, das Tumorwachstum konnte gestoppt werden, geheilt ist die 47-Jährige aber nicht. Aktuell wird sie mit einem Medikament behandelt, das gezielt wachstumsfördernde Signale blockt, die bei ihrem Brustkrebstyp eine wichtige Rolle spielen.

So wie dieser Patientin geht es vielen Menschen, die Krebs haben. Denn immer mehr Krebskranke leben immer länger. Einige Krebsarten sind inzwischen heilbar, vor allem aber haben die therapeutischen Fortschritte dazu geführt, dass Patienten trotz bzw. mit ihrer Tumorerkrankung heute deutlich länger leben als vor zehn, zwanzig Jahren. Bei Brust-, Prostata-, Lungen-, Magen – und Darmkrebs sowie bei chronisch lymphatischer Leukämie sind in dieser Hinsicht Fortschritte zu vermelden, wobei das zum Teil sogar für fortgeschrittene Stadien gilt. So ist die Lebenserwartung bei Darmkrebs, der bereits Metastasen gestreut hat, heute im Schnitt drei- bis viermal höher als früher. Es gibt Patienten, die viele Jahre mit metastasiertem Darmkrebs leben.

Lebensqualität rückt in den Fokus

Generell wird versucht, die Behandlung individuell maßzuschneidern. Bei einigen Krebsarten gelingt das schon recht gut, bei anderen wird intensiv daran gearbeitet. Es stehen heute zahlreiche unterschiedliche Krebsmedikamente zur Verfügung, und es kommen immer neue Wirkstoffe dazu. Zum Beispiel gibt es seit einiger Zeit so genannte Angiogenese-Hemmer, mit denen man erstmals die Aussiedelung von Metastasen gezielt beeinflussen kann. Personalisiertes Vorgehen und pharmazeutische Fortschritte werden in Zukunft die Chancen auf ein Langzeitüberlebens noch weiter steigern. Und damit rückt – neben dem Überleben – ein anderer Aspekt immer mehr in den Blickwinkel: die Lebensqualität.

Dabei ist die Verträglichkeit der angewendeten Therapie(n) von entscheidender Bedeutung. Chronisch Krebskranke brauchen Medikamente, die ihren Zustand stabilisieren und ein Fortschreiten der Erkrankung möglichst unterbinden. Aber auch die langfristig angewendeten Medikamente haben Nebenwirkungen. Diese gilt es zu minimieren, was zum Teil mit Hilfe weiterer Medikamente oder auch mit nicht-medikamentösen Begleitmaßnahmen gelingt. Dabei müssen die Therapiestrategien aber praktikabel bleiben und sollten den persönlichen Alltag so wenig wie möglich beeinträchtigen.

Hinzu kommt, dass viele Krebskranke unter den Nachwirkungen von chirurgischen Eingriffen und Chemo- bzw. Strahlentherapien leiden und deshalb behandelt werden müssen. Das betrifft nicht nur chronisch Krebskranke, sondern auch Patienten, die als geheilt gelten. Ein Beispiel ist die Polyneuropathie infolge einer Chemotherapie. Manche Zytostatika können Nervenschäden verursachen, die bei den betroffenen Patienten dauerhaft zu quälenden Empfindungsstörungen wie Ameisenkribbeln und Taubheitsgefühl führen. Auch chronische Schmerzen können die Folge solcher Nervenschäden sein.

Tumorschmerzen sind behandelbar

Es gibt heute exzellente Möglichkeiten der Schmerztherapie, wobei verschiedene Schmerzen unterschiedlich behandelt werden müssen. Werden die schmerztherapeutischen Möglichkeiten ausgeschöpft – was nicht immer der Fall ist – dann können rund 90 Prozent aller Tumorpatienten weitgehend schmerzfrei leben. Wer Schmerzen hat, sollte auf keinen Fall die Zähne zusammen beißen, sondern das Thema offen mit dem behandelnden Arzt besprechen.

Dasselbe gilt auch für das so genannte Fatigue-Syndrom, an dem viele Krebspatienten leiden. Sie fühlen sich erschöpft und ständig müde. Früher dachte man, dass eine gestörte Blutbildung infolge Chemotherapie für diese körperliche Schwäche verantwortlich ist, aber es scheint weit komplizierter zu sein. Offenbar spielt neben verschiedenen anderen Faktoren auch die Art und Weise, wie Patienten ihre Krebserkrankung verarbeiten, eine wichtige Rolle.

Hilfe bei der Krankheitsbewältigung

Die Unterstützung bei der Krankheitsbewältigung ist ein ganz entscheidender Aspekt bei der Langzeitbetreuung von Menschen, die an Krebs erkrankt sind. Nicht selten fühlen sich Patienten in dieser Hinsicht allein gelassen. Zwar engagieren sich Psychoonkologen seit langem dafür, dass Krebskranke psychologisch begleitet werden, aber längst noch nicht alle Patienten erhalten entsprechende Hilfsangebote.

Bereits der berühmte griechische Arzt Hippokrates hat die Einheit von Körper und Seele betont, und diese Erkenntnis erfährt aktuell eine Renaissance. Die Diagnose „Krebs“ wirft jeden Menschen aus der Bahn, und er muss wieder zurück in eine Balance finden. Wenn es Krebspatienten gelingt, sich – wie auch immer – mit ihrer Erkrankung auszusöhnen, dann ist das nicht nur in psychischer Hinsicht ein Riesenschritt. Zwar steht die Forschung noch am Anfang, aber es gibt doch bereits zahlreiche Hinweise darauf, dass die Psyche einen starken Einfluss auf den Körper hat. Das Immunsystem zum Beispiel reagiert anfällig auf Stress und Angst und lässt sich umgekehrt durch eine psychische Stabilisierung günstig beeinflussen.

Was Krebskranken helfen kann, ihren ganz eigenen Weg der Krankheitsbewältigung zu finden, ist individuell sehr unterschiedlich. „Wir dürfen den Patienten kein starres Konzept überstülpen, wir können nur Angebote machen“, darin sind sich Psychoonkologen einig. Neben Gesprächsangeboten können Meditations- und Entspannungstechniken sowie kreative Tätigkeiten wichtige Impulse für die Krankheitsbewältigung liefern. Aber auch körperliche Bewegung kann Krebskranken helfen, Ohnmacht, Angst und Depression zu überwinden und in ein selbst bestimmtes, aktives Leben zurück zu finden.

Arzt und Patient als Partner

Wie kaum eine andere medizinische Disziplin ist die Krebsmedizin laufend im Fluss. Aktuell ist die optimale Begleitung chronisch Schmerzkranker ein viel diskutiertes Thema, und immer wieder wird betont, wie wichtig ein guter, vertrauensvoller Austausch – ein partnerschaftlicher Umgang – zwischen Ärzten und Patienten ist. „Die Mitbestimmung des Patienten spielt natürlich auch in solch einem chronischen Krakheitsverlauf eine enorme Rolle,“ betont Prof. Dr. Florian Lordick, Direktor des Universitätsklinikums Leipzig und Professor für klinische Onkologie im Interview mit krebsgesellschaft.de. Eine in diesem Sinne ganzheitliche Betreuung chronisch Krebskranker ist eine der großen Herausforderungen der modernen Krebsmedizin.

(vieg)

Quellen:

Monatsthema der Deutschen Krebsgesellschaft e.V., www.krebsgesellschaft.de

Interview mit Prof. Wolfgang Söllner und Prof. Martin Wilhelm: „Wenn Krebs zu einer chronischen Krankheit wird – Es geht in erster Linie um die Erhaltung der Lebensqualität“, Nürnberg 2011, Autor: Bernd Siegler http://www.klinikum-nuernberg.de/DE/aktuelles/knzeitung/2011/201103/interview.html

Deutsche Krebshilfe e.V. (Herausgeber): Schmerzen bei Krebs, Die blauen Ratgeber 50, Bonn 2013, Text: Isabell-Annett Beckmann http://www.krebshilfe.de/fileadmin/Inhalte/Downloads/PDFs/Blaue_Ratgeber/050_0033_schmerzen.pdf

 


Krebszeitung

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  • Pressekonferenz über die Priorisierung und Forschungsförderung
    Forschung

    Jüngste Neuerungen aus der Grundlagenforschung und der translationalen Forschung werden im Rahmen des diesjahrigen Deutschen Krebskongress präsentiert und hier unter dem Fachpublikum diskutiert. Die Grundlagenforschung ist ein spannendes Feld, nicht zuletzt deshalb, weil sie uns einen Einblick in die Zukunft der Krebsbehandlung erlaubt. Sie liefert Ansätze für neue Diagnose- und Therapiemöglichkeiten, und es ist deshalb nicht verwunderlich, dass die Deutsche Krebsgesellschaft die Förderung der o­nkologischen Grundlagenforschung als eine ihrer Hauptaufgaben betrachtet.

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  • Prof. Dr. med. Michael Stöckle - Quelle: Wahlers PR
    DGU-Kongress 2011

    Das Prostatakarzinom ist ein sehr relevanter Tumor: Etwa jeder 10. Mann dürfte im Laufe seines Lebens mit dieser Diagnose konfrontiert werden, und drei Prozent aller Männer sterben in Deutschland an dieser Erkrankung.

    Jedoch können wir diese Krankheit heute in sehr frühem Stadium und bei niedrigem Malignitätsgrad entdecken. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass in solchen Fällen eine verzögerte Behandlung, manchmal sogar der völlige Verzicht auf eine Behandlung dem Betroffenen nicht schaden würde. Dementsprechend soll bei der geplanten „PREFERE“-Studie*, der „präferenzbasierten randomisierten Studie beim Niedrig-Risiko-Prostatakarzinom“ nicht zuletzt die Frage geklärt werden, ob die Strategie einer „aufmerksamen Beobachtung“ („active surveillance“), bei der die Patienten erst bei Nachweis eines Tumorwachstums therapiert werden, bei frühen Tumorstadien mit eher niedrigem Malignitätsgrad empfehlenswerter ist als die sofortige Behandlung.

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