„Lebenszeit retten“ durch orale Therapien

Krebssymbol - pixabay
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Während des diesjährigen Deutschen Krebskongress wurden neueste Studienergebnisse über die Behandlung des Mammakarzinoms und des Nichtkleinzelligen Lungenkrebs bei der oralen Gabe von Navelbine® vorgestellt, einem Mitosehemmer mit dem Wirkstoff Vinorelbin, das von Pierre Fabre o­nkologie hergestellt wird, welches von den Patienten in Tablettenform eingenommen wird und so während der jeweiligen Behandlungszyklen zu einer erheblich besseren Lebensqualität führt.

Neue Studienergebnisse – vorgestellt während des Deutschen Krebskongress

Prof. Dr. med. S. Seeber sagte dazu:
„Traditionell wird der klinische Nutzen einer Chemotherapie anhand von Remissionsrate, progressionsfreiem Intervall, Besserung der körperlichen Beschwerden oder Überlebenszeit bewertet. Erst in neuerer Zeit werden vermehrt auch Kriterien wie Anwendungsfreundlichkeit, ökonomische Gesichtspunkte, die Lebensqualität der Patienten unter der Therapie und ihre Fähigkeit, ein selbstbestimmtes, den eigenen Wünschen entsprechendes Leben zu führen, als Maßstab zur Bewertung einer Chemotherapie herangezogen.

Aus dieser erweiterten Sicht kommt dem Verabreichungsmodus von Zytostatika eine besondere Bedeutung zu. So ist eine i.v. Chemotherapie mit einer Reihe von Nachteilen verbunden: Sie ist für den Patienten oft angstbehaftet und lästig und beeinträchtigt die Lebensqualität [12].

In aller Regel ziehen deshalb die Patienten die orale Therapieform einer parenteralen Anwendungsform vor. In einer prospektiven Untersuchung an über 100 Krebspatienten im fortgeschrittenen Krankheitsstadium bevorzugten 89% eine orale Therapie, sofern diese nicht mit einer schlechteren Wirksamkeit verbunden ist [13].

Die orale Chemotherapie hat für die Patienten, aber auch für die behandelnde Klinik bzw. Praxis eine Reihe von Vorteilen:

  • Die orale Einnahme des Medikaments vermittelt dem Patienten das Gefühl, selbst aktiv etwas gegen seine Krankheit tun zu können (Selbstkontrolle).
  • Die orale Therapie macht das Legen eines parenteralen Zugangs überflüssig.
  • Die orale Medikation kann zu Hause eingenommen werden. Dies erspart dem Patienten eine längere Aufenthaltszeit in der Klinik und den Stress, den die o­nkologische Klinik und die damit eventuell verbundenen unangenehmen Assoziationen bei ihm auslösen können.
  • Die orale Therapie ist sicherer. Das Risiko einer Infektion ist bei Infusionen zwar gering, lässt sich aber auch bei strenger Einhaltung aseptischer Bedingungen nie ganz ausschließen.

Zudem kann eine Extravasation ernsthafte Komplikationen hervorrufen. Aus gesundheitsökonomischer Sicht ist die orale Therapie eindeutig von Vorteil. Sie setzt in Klinik und Praxis wertvolle Zeit- und Personalressourcen frei, die im Falle von i.v. Infusionen für das Ansetzen der Zytostatikalösungen und die Verabreichung gebunden werden. Die orale Therapie ist damit für die Klinik, aber auch für den Patienten, der Fahrtkosten und Zeit für die Anreise einspart, die kostengünstigere Option. So erhalten Patienten nicht nur durch die Therapie eine Lebensverlängerung, sondern bereits während der Therapie die Gewinnung von Zeit mit Lebensqualität – echte Lebenszeit.“

Navelbine® oral seit kurzem beim Mammakarzinom zugelassen

Aufgrund der zahlreichen potenziellen Vorteile einer oralen Therapie wurde schon bald nach den ersten klinischen Erfahrungen mit Vinorelbin i.v. mit der Entwicklung einer oralen Darreichungsform begonnen. Eine 1994 entwickelte orale Rezeptur erfüllte schließlich alle Erwartungen bezüglich eines sicheren und wirksamen klinischen Einsatzes und wurde im September 2003 in Deutschland für die Behandlung von Lungenkrebs in den Handel gebracht.

Im November 2005 erhielt Navelbine® oral in Deutschland die Zulassung zur Behandlung des fortgeschrittenen Mammakarzinoms. Nach den bisher vorliegenden klinischen Daten besteht beim fortgeschrittenen NSCLC und Mammakarzinom für das empfohlene Dosierungsschema von oralem Vinorelbin eine weitgehende Wirkungsäquivalenz mit i.v. verabreichtem Vinorelbin in Standarddosierung. In diesen Studien wurde auch die Erkenntnis gewonnen, dass orales Vinorelbin ein ähnlich gutes und beherrschbares Nebenwirkungsprofil besitzt wie die i.v. Darreichungsform.

Die Kombinationstherapie mit Vinorelbin i.v. und Cisplatin gehört beim frühen und fortgeschrittenen NSCLC zu den wirksamsten Behandlungsoptionen und gilt als Therapiereferenz, an der sich neuere medikamentöse Ansätze zu messen haben [4–9]. Beim fortgeschrittenen Mammakarzinom hat sich Vinorelbin i.v. selbst bei Anthrazyklin-resistenter Erkrankung als Erfolg versprechende Behandlungsmöglichkeit erwiesen [10, 11].

Kontakt:
Herr Prof. Dr. Siegfried Seeber
Tumorklinik im Westdeutschen Tumorzentrum
Innere Klinik und Poliklinik (Tumorforschung)
Universitätsklinikum Essen
Hufelandstr. 55
45122 Essen
Telefon: (0201) 723-2001
Telefax: (0201) 723-5924
E-Mail: s.seeber@uni-essen.de

Literatur:
4 Le Chevalier T, Brisgand D, Douillard JY, Pujol JL, Alberola V, Monnier A, Riviere A, Lianes P, Chomy P, Cigolari S, et al.: Randomized study of vinorelbine and cisplatin versus vindesine and cisplatin versus vinorelbine alone in advanced nonsmall-cell lung cancer: results of a European multicenter trial including 612 patients. J Clin o­ncol 1994;12:360–367.

5 Scagliotti GV, De Marinis F, Rinaldi M, Crino L, Gridelli C, Ricci S, Matano E, Boni C, Marangolo M, Failla G, Altavilla G, Adamo V, Ceribelli A, Clerici M, Di Costanzo F, Frontini L, Tonato M; Italian Lung Cancer Project: Phase III randomized trial comparing three platinum-based doublets in advanced non-small-cell lung cancer. J Clin o­ncol 2002;20:4285–4291.

6 Martoni A, Marino A, Sperandi F, Giaquinta S, Di Fabio F, Melotti B, Guaraldi M, Palomba G, Preti P, Petralia A, Artioli F, Picece V, Farris A, Mantovani L: Multicentre randomised phase III study comparino the same dose and schedule of cisplatin plus the same schedule of vinorelbine or gemcitabine in advanced non-small cell lung cancer. Eur J Cancer 2005;41:81–92.

7 Chen YM, Perng RP, Shih JF, Tsai CM, Whang-Peng J: A randomized phase II study of vinorelbine plus gemcitabine with/without cisplatin against inoperable non-small-cell lung cancer previously untreated. Lung Cancer 2005;47:373–380.

8 Gebbia V, Galetta D, Caruso M, Verderame F, Pezzella G, Valdesi M, Borsellino N, Pandolfo G, Durini E, Rinaldi M, Loizzi M, Gebbia N, Valenza R, Tirrito ML, Varvara F, Colucci G; Gruppo Ocologico Italia Meridionale: Gemcitabine and cisplatin versus vinorelbine and cisplatin versus ifosfamide+ gemcitabine followed by vinorelbine and cisplatin versus vinorelbine and cisplatin followed by ifosfamide and gemcitabine in stage IIIB–IV non small cell lung carcinoma: a prospective randomized phase III trial of the Gruppo o­ncologico Italia Meridionale. Lung Cancer 2003;39:179–189.

9 Ramsey SD, Moinpour CM, Lovato LC, Crowley JJ, Grevstad P, Presant CA, Rivkin SE, Kelly K, Gandara DR: Economic analysis of vinorelbine plus cisplatin versus paclitaxel plus carboplatin for advanced non-small-cell lung cancer. J Natl Cancer Inst 2002;94:291–297.

10 Jones S, Winer E, Vogel C, Laufman L, Hutchins L, O’Rourke M, Lembersky B, Budman D, Bigley J, Hohneker J: Randomized comparison of vinorelbine and melphalan in anthracycline-refractory advanced breast cancer. J Clin o­ncol 1995;13:2567– 2574.

11 Terenziani M, Demicheli R, Brambilla C, Ferrari L, Moliterni A, Zambetti M, Caraceni A, Martini C, Bonadonna G: Vinorelbine: an active, non cross-resistant drug in advanced breast cancer. Results from a phase II study. Breast Cancer Res Treat 1996;39:285–291.

12 Payne SA: A study of quality of life in cancer patients receiving palliative chemotherapy. Soc Sci Med 1992;35:1505–1509.

13 Liu G, Franssen E, Fitch MI, Warner E: Patient preferences for oral versus intravenous palliative chemotherapy. J Clin o­ncol 1997;15:110–115.

Detlef Höwing


Krebszeitung

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  • Mikroskopische Aufnahme eines Gewebsschnitts durch einen Dickdarmtumor mit Spezialfärbung: Die blau angefärbten Zellen produzieren den Wachstumsfaktor Epiregulin. Es handelt sich zum Großteil um Bindegewebszellen (Tumorfibroblasten). - Foto: Dr. Clemens Neufert
    Darmkrebs

    (02.07.2012) Etwa ein Viertel aller Darmkrebserkrankungen tritt mit familiärer Häufung auf. Das bedeutet, dass nahe Verwandte von Erkrankten ein erhöhtes Risiko haben, ebenfalls von dem Tumorleiden ereilt zu werden. Besonders betroffen sind Familien, in denen eine erbliche Form von Darmkrebs weitergegeben wird. Der Tumor entwickelt sich in diesen Fällen oft schon vor dem 50. Lebensjahr.

    „Erstaunlicherweise ist die Sorglosigkeit im Umgang mit dem eigenen Risiko bei Angehörigen von betroffenen Familien relativ hoch“, stellt Dr. Arno Theilmeier vom Berufsverband der niedergelassenen Gastroenterologen (bng) fest. Dabei können gerade diese Menschen in besonderem Maße von der Vorsorge profitieren. Denn ein rechtzeitig entdeckter Darmkrebs kann heute geheilt werden.

    „Eine Untersuchung des von der Deutschen Krebshilfe geförderten Verbundprojekts ‚Familiärer Darmkrebs‘ hat gerade die Tragweite der Problematik beispielhaft vor Augen geführt“, sagt der bng-Experte. „in zwölf betroffenen Familien wurden unter 90 Angehörigen 33 Darmtumoren entdeckt sowie einzelne Krebsfälle an Eierstock, Gebärmutter und in den Harnwegen.“

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  • Wissenschaftler untersuchen, wie Antikörper gesundes Gewebe von Leukämiepatienten am besten schützen können. © Dirk Mahler/Fraunhofer
    Forschung

    EU unterstützt internationales Forschungsprojekt für personalisierte Krebsmedizin unter Ulmer Beteiligung mit 5,5 Millionen Euro.

    Kein Krebs gleicht dem anderen, selbst Leukämie ist nicht gleich Leukämie. Der Unterschied liegt im Erbgut: Jeder Krebs hat seinen eigenen genetischen Fingerabdruck. Krebsmediziner stehen deshalb täglich vor der Herausforderung, die richtige Therapie für ihre Patienten zu finden, denn die konventionelle Chemotherapie schlägt aufgrund dieser genetischen Unterschiede nicht bei jedem gleich gut an. Was fehlt, sind Diagnose- und Therapiemethoden, die auf die jeweils spezifischen genetischen Veränderungen jedes einzelnen Patienten zugeschnitten sind. Durch die Entschlüsselung des Genoms im Jahr 2003 und die Entwicklung neuer leistungsfähiger Methoden zur Untersuchung des menschlichen Erbguts ist der Traum einer solchen „personalisierten Medizin“ jedoch in greifbare Nähe gerückt. An seiner Erfüllung arbeitet derzeit auch ein internationales Netzwerk aus Leukämieforschern und Biotechnik-Unternehmen unter Beteiligung des Universitätsklinikums Ulm. Der Forschungsverbund erhält über die nächsten drei Jahre 5,5 Millionen Euro von der Europäischen Union. 450.000 Euro davon gehen an die Ulmer Universitätsklinik für Innere Medizin III (Ärztlicher Direktor: Prof. Dr. Hartmut Döhner).

    „Bislang stehen wir in der Behandlung von Leukämiepatienten insbesondere vor zwei Problemen: Zum einen wissen wir vorher nicht, ob die Chemotherapie anschlagen wird. Zum anderen dauert die Diagnostik bestimmter Biomarker, die möglicherweise eine andere Therapie nahelegen würden, noch zu lange“, sagt Prof. Dr. Lars Bullinger. Der Leukämieforscher ist gemeinsam mit seiner Kollegin Prof. Dr. Konstanze Döhner verantwortlich für den Ulmer Beitrag zum Forschungsnetzwerk, das genau diese Problematik im Rahmen einer translationalen Studie beseitigen will. Studien dieser Art haben das Ziel, Erkenntnisse präklinischer Forschung für die praktische Anwendung in der Klinik nutzbar zu machen.

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