Medikament aktiviert Virus gegen Krebs

BU: Computergenerierte Darstellung eines Parvovirus H1, Antonio Marchini, Deutsches Krebsforschungszentrum

BU: Computergenerierte Darstellung eines Parvovirus H1, Antonio Marchini, Deutsches KrebsforschungszentrumWissenschaftler im Deutschen Krebsforschungszentrum entdeckten, dass das Medikament Valproinsäure die Wirksamkeit von Parvoviren gegen Krebs verbessert. Auf Ratten übertragene Bauchspeicheldrüsen- und Gebärmutterhalstumoren bildeten sich nach einer Behandlung mit Virus und Wirkstoff zum Teil vollständig zurück. Das Medikament bewirkt, dass sich die Viren schneller vermehren und Krebszellen besser abtöten können.

Parvoviren verursachen beim Menschen keine Krankheitssymptome, können aber Krebszellen befallen und abtöten. Seit 1992 erforschen Wissenschaftler im Deutschen Krebsforschungszentrum diese Viren mit dem Ziel, eine Virustherapie gegen Glioblastome, aggressive wachsende Hirntumoren, zu entwickeln. Seit 2011 läuft in der Neurochirurgischen Universitätsklinik Heidelberg eine klinische Studie, die erstmals die Sicherheit einer Behandlung mit dem Parvovirus H1 erprobt.

„Die Ergebnisse, die wir bei der vorklinischen Prüfung mit Parvovirus H1 an Hirntumoren erzielt haben, waren beeindruckend“, sagt Dr. Antonio Marchini, Virologe am Deutschen Krebsforschungszentrum. „Doch bei anderen Krebserkrankungen ist der krebsabtötende Effekt der Viren nicht so stark ausgeprägt. Daher suchen wir nach Möglichkeiten, das therapeutische Potenzial der Viren zu verbessern.“

Dabei erprobten die Virologen auch das Medikament Valproinsäure. Die Substanz zählt zur Wirkstoffklasse der so genannten HDAC-Inhibitoren. HDAC-Inhibitoren sorgen dafür, dass viele chemisch stillgelegte Gene besser abgelesen werden können. Valproinsäure wird gegen Epilepsie eingesetzt, hat sich aber auch gegen bestimmte Krebsarten als wirksam erwiesen.

Die Forscher behandelten zunächst Tumorzellen von Gebärmutterhals- und Bauchspeicheldrüsenkrebs in der Kulturschale mit einer Kombination aus Parvoviren und Valproinsäure. Bei beiden Krebsarten steigerte das Medikament den virusbedingten Zelltod, teilweise wurden die Krebszellen sogar vollständig vernichtet.

Die vielversprechenden Ergebnisse an Zellen in der Kulturschale bestätigten sich auch an auf Ratten übertragenen Gebärmutterhals- und Bauchspeicheldrüsen-Tumoren: Nach Kombibehandlung der Tiere mit Parvoviren und Valproinsäure bildeten sich diese Tumoren teilweise vollständig zurück und der Krebs kehrte auch innerhalb eines Jahres nicht wieder. Bei Tieren dagegen, die mit gleicher Virusdosis, aber ohne das Medikament, behandelt wurden, ließ sich der Krebs nicht zurückdrängen, auch nicht, wenn die Forscher die Virusdosis um das zwanzigfache steigerten.

Die Virologen konnten auch auf molekularer Ebene nachvollziehen, wie Valproinsäure die Parvoviren gegen den Krebs unterstützt: Die Behandlung mit dem Medikament aktiviert das giftige Virusprotein NS1. Dadurch können sich die Viren schneller vermehren und Krebszellen besser abtöten.

„Der synergistische Effekt der Kombination von Parvoviren und Valproinsäure ermöglicht es, sowohl die Viren als auch das Medikament so niedrig zu dosieren, dass keine schwerwiegenden Nebenwirkungen zu befürchten sind“, erklärt Antonio Marchini. „Die Ergebnisse zeigen, dass das es sich lohnt, die Kombinationstherapie weiter zu prüfen: Sie hat das Potenzial, bei schweren Krebserkrankungen das Tumorwachstum aufhalten zu können.“

Junwei Li, Serena Bonifati, Georgi Hristov, Tiina Marttila, Severine Valmary-Degano,Sven Stanzel, Martina Schnölzer, Christiane Mougin, Marc Aprahamian, Svitlana P. Grekova, Zahari Raykov, Jean Rommelaere und Antonio Marchini: Synergistic combination of valproic acid and oncolytic parvovirus H-1PV as a potential therapy against cervicaland pancreatic carcinomas. EMBO Molecular Medicine 2013, DOI: 10.1002/emmm.201302796

Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) ist mit mehr als 2.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die größte biomedizinische Forschungseinrichtung in Deutschland. Über 1000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erforschen im DKFZ, wie Krebs entsteht, erfassen Krebsrisikofaktoren und suchen nach neuen Strategien, die verhindern, dass Menschen an Krebs erkranken. Sie entwickeln neue Methoden, mit denen Tumoren präziser diagnostiziert und Krebspatienten erfolgreicher behandelt werden können. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Krebsinformationsdienstes (KID) klären Betroffene, Angehörige und interessierte Bürger über die Volkskrankheit Krebs auf. Gemeinsam mit dem Universitätsklinikum Heidelberg hat das DKFZ das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) Heidelberg eingerichtet, in dem vielversprechende Ansätze aus der Krebsforschung in die Klinik übertragen werden. Im Deutschen Konsortium für Translationale Krebsforschung (DKTK), einem der sechs Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung, unterhält das DKFZ Translationszentren an sieben universitären Partnerstandorten. Die Verbindung von exzellenter Hochschulmedizin mit der hochkarätigen Forschung eines Helmholtz-Zentrums ist ein wichtiger Beitrag, um die Chancen von Krebspatienten zu verbessern. Das DKFZ wird zu 90 Prozent vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und zu 10 Prozent vom Land Baden-Württemberg finanziert und ist Mitglied in der Helmholtz- Gemeinschaft deutscher Forschungszentren.

Diese Pressemitteilung ist abrufbar unter www.dkfz.de/pressemitteilungen

Dr. Stefanie Seltmann Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Deutsches Krebsforschungszentrum
Im Neuenheimer Feld 280
D-69120 Heidelberg
T: +49 6221 42 2854
F: +49 6221 42 2968
presse@dkfz.de

Dr. Sibylle Kohlstädt
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Deutsches Krebsforschungszentrum
Im Neuenheimer Feld 280
D-69120 Heidelberg
T: +49 6221 42 2843
F: +49 6221 42 2968
presse@dkfz.de

Pressemitteilung Deutsches Krebsforschungszentrum, Dr. Stefanie Seltmann

Seltene Krebsarten – die neue Ausgabe des Magazins „einblick“ ist erschienen


Krebszeitung

--Download Medikament aktiviert Virus gegen Krebs als PDF-Datei --


  • Verkürztes Chromosom 5 (blaue Pfeile) und zusätzliche komplexe Veränderungen (weiße Pfeile) bei einer Patientin, die während der Behandlung eine Leukämie entwickelte. - Foto: Prof. Dr. B. Schlegelberger
    Forschung

    Ein ungelöstes Problem bei der Behandlung von Krebserkrankungen im fortgeschrittenen Stadium ist das Auftreten von Behandlungsresistenz. Denn in den meisten Fällen, in denen einmal Resistenz gegen die verwendeten Zytostatika auftritt, sprechen die Krebszellen auch nicht mehr auf andere Zytostatikaklassen an. In diesen Fällen kann das weitere Ausbreiten des Krebses, das schließlich zum Tod des Patienten führt, nicht mehr verhindert werden.

    […mehr lesen]

  • Die Stachelzellkrebszellen (grün) dringen in die Haut ein. - Quelle: Venugopal Rao Mittapalli
    Forschung
    Unter Leitung der Klinik und Poliklinik für Dermatologie des Universitätsklinikums Regensburg (UKR) beginnt im März 2016 eine Studie, in der ein neues Verfahren zur Behandlung von aktinischen Keratosen mittels Tageslicht auf seine vorbeugende Wirkung hin [...mehr lesen]

Google News – Gesundheit