Medizin wird weiblich – auch Urologinnen holen auf

Mit dem Dermascanner wird die Hautoberfläche des Patienten aus verschiedenen Positionen gescannt. © Dirk Mahler/Fraunhofer IFF
Mit dem Dermascanner wird die Hautoberfläche des Patienten aus verschiedenen Positionen gescannt. © Dirk Mahler/Fraunhofer IFF

„Frauen kommen langsam – aber gewaltig“ singt Liedermacherin Ina Deter, und das trifft inzwischen auch für den, lange Zeit ausschließlich Männern vorbehaltenen, Arztberuf zu. Fast 130 Jahre nach Hope Bridges Adams-Lehmann, der ersten Ärztin in Deutschland, erobern Frauen die Medizin. Heute stellen sie mit 60 Prozent bereits die Mehrheit der Medizinstudenten und Berufseinsteiger. Entsprechend vehement forderte der Deutsche Ärztinnenbund deshalb jüngst familien- und frauenfreundlichere Arbeitsbedingungen.

Professor Dr. Sabine Kliesch, Pressesprecherin der Deutschen Gesellschaft für Urologie e.V.

Selbst in der klassischen Männerdomäne Urologie spiegelt sich der Trend zur Feminisierung und zu genderspezifischem Engagement. Aktuelles Beispiel ist der 4. Deutsche Urologinnen Workshop vom 12. bis 13. Juni 2009 in Berlin.

Nach Statistiken der Bundesärztekammer waren 2008 in Deutschland 5040 Fachärzte für Urologie tätig, darunter 572 Urologinnen. Von diesen sind 236 niedergelassene Ärztinnen.

„Im Vergleich zu einem Frauen dominierten Fachbereich wie der Gynäkologie ist der Frauenanteil von derzeit 11,3 Prozent in unserem Fachbereich zwar immer noch gering, dennoch haben wir in den letzten zehn Jahren deutlich aufgeholt“, sagt die Pressesprecherin der Deutschen Gesellschaft für Urologie e.V., Professor Dr. Sabine Kliesch. So lag die Frauenquote in der Urologie 1998 noch bei 6,9 Prozent.

Handfeste Gründe machen es für Urologinnen besonders schwer, weiß die Fachärztin für Urologie und Andrologie. „Der Konflikt zwischen Beruf und Familie ist in Abhängigkeit von der beruflichen Belastung in den verschiedenen Fachdisziplinen sehr unterschiedlich. Generell sind die Anforderungen in den operativen Fächern höher zu veranschlagen als in den nicht-operativen Disziplinen. Dies betrifft die Akutsituation in den Diensten ebenso wie die Struktur der klinischen Ausbildung. Die Urologie ist ein von den Fachinhalten klar definiertes Arbeitsgebiet mit einer hohen und breiten operativen Ausbildung. Dies macht das Fach zum einen interessant, zum anderen erfordert es aber auch eine aufwändigere und langwierigere Ausbildung. Gerade wenn man nicht in die Niederlassung gehen möchte, sondern vielleicht auch klinisch tätig bleiben will. Darüber hinaus ist nicht zu verkennen, dass die Urologie, ähnlich wie die Allgemeinchirurgie, über viele Jahrzehnte in ihrer Fachstruktur und damit auch in der Vermittlung von Ausbildung von Männern dominiert wird. Dies muss nicht negativ sein, es kann jedoch dazu führen, dass frauenspezifische Ausbildungsanforderungen nicht erfüllt werden. Außerdem werden in der Urologie natürlich inhaltlich viele Gebiete behandelt, die die Intimsphäre des Menschen berühren. Auch dies mag mit hineinspielen, dass zumindest in früheren Jahrzehnten Frauen in diesem Gebiet deutlich unterrepräsentiert waren.“

Heute gibt es bereits viele Patienten, die sich lieber von einer Urologin behandeln lassen.

Professor Sabine Kliesch, Chefärztin der Klinischen Andrologie des Centrums für Reproduktionsmedizin und Andrologie und Oberärztin der Klinik und Poliklinik für Urologie am Universitätsklinikum Münster:

„Nach einer anfänglichen Scheu der Ärztin gegenüber setzt oftmals eine gewisse Erleichterung ein, sich mit seinen spezifisch andrologischen Problemen nicht einem gleichgeschlechtlichen Arzt offenbaren zu müssen. Hier mag vielleicht eine indirekte Form des ‚Konkurrenzgedankens‘ zugrunde liegen, seine eigenen Probleme einem potenziell gesunden Gegenüber offen legen und damit eine Schwäche eingestehen zu müssen. Dieser ‚Konkurrenzdruck‘ entsteht im Gespräch mit einer Ärztin erst gar nicht.“ Manche Inkontinenz-Patientinnen empfinden es als angenehm eine gleichgeschlechtliche Gesprächspartnerin zu haben. Und wie andere Medizinerinnen zeichnen sich viele Urologinnen dank spezifisch weiblicher Fähigkeiten und einem unterschiedlichen Empathievermögen dadurch aus, eine gute Arzt- Patienten-Kommunikation und eine gute Anamnese zu führen. Umgekehrt schätzen viele Patienten den Urologen, mit den ihm eigenen typisch männlichen Fähigkeiten.

Bei gleicher Akzeptanz durch die Patienten sind Frauen wie Professor Sabine Kliesch und ihre sechs Professorinnen-Kolleginnen in der Urologie aber immer noch die Ausnahme. Allen voran Professor Dr.

Margit Fisch, die als erste und bisher einzige Medizinerin auf einen der 36 Lehrstühle für Urologie in Deutschland am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf berufen wurde. Sie war es auch, die den allerersten Urologinnen Workshop im März 2000 in Krefeld mitorganisierte.

„Je nach Struktur einer Abteilung oder auch einer Praxis werden es viele männliche Kollegen zu schätzen wissen, eine weibliche Urologin in ihrem Team zu haben, da sie in bestimmten Bereichen über spezifische Fähigkeiten verfügt und hier insgesamt zu einer Verbesserung von Struktur, Atmosphäre und Arbeitsbedingungen beitragen kann“, sagt Professor Sabine Kliesch. Aber die Konkurrenz zwischen den Geschlechtern ist scharf, wenn es um die Besetzung von attraktiven Positionen geht. Und zumindest das Gefühl, in der Männerdomäne besser als die männlichen Kollegen sein zu müssen und kritischer beäugt zu werden, kennen wohl die meisten Urologinnen. Die Münsteraner

Chefärztin: „Überwiegend ist in den urologischen Disziplinen ein kollegiales Miteinander zu verzeichnen, aber wenn es um die Einnahme von leitenden und Führungspositionen geht – das beginnt bereits auf

Facharzt- und Oberarztebene – ist hier sicherlich eine ganz objektive Bewertung der Leistungen der weiblichen Kolleginnen nicht immer gegeben.“

So fällt die Bilanz, 129 Jahre nach Hope Bridges Adams-Lehmann, nicht nur für Urologinnen zwiespältig aus: Ärztinnen erobern zwar die Medizin, aber familien- und frauenfeindliche Strukturen in Ausbildung und Berufsalltag sowie überholte Rollenbilder erschweren ihre Karrierechancen in den meisten Fachbereichen noch immer. Dass nur elf Prozent der leitenden Krankenhausärzte in Deutschland weiblich sind, spricht für sich.

Karriereplanung steht deshalb mit auf dem Programm des 4. Deutschen Urologinnen Workshops im Juni 2009 in Berlin. „Bei den wissenschaftlichen Inhalten ist der gesamte Bereich der Urologie berücksichtigt worden, da das Gesamtfach für uns relevant ist. Aber natürlich gibt es einen spezifischen Themenbereich rund um die verschiedenen Karrierewege für Klinikerinnen und niedergelassene Urologinnen“, so Mitorganisatorin Professor Kliesch. Die große Nachfrage und die Tatsache, dass die 130 Plätze des Workshops bereits nach kurzer Ankündigungszeit ausgebucht waren, zeigen den erheblichen Bedarf an geschlechtsspezifischer Fortbildung.

„Ich glaube, es ist heute mehr als deutlich, dass Themen genderspezifisch bearbeitet, beforscht und kommuniziert werden. Männer haben über Jahrzehnte die Möglichkeit gehabt, ungestört von Frauen ihr Networking untereinander voranzutreiben. Es hat lange gedauert, bis sich Frauen ihren Stellenwert in allen Teilbereichen der Medizin erarbeitet haben. Sie treffen heute auf Arbeitsbedingungen, die immer mehr Leistung in immer weniger Zeit fordern. Deshalb ist es gerade jetzt notwendig, Frauen, die gleichzeitig Familie und Beruf miteinander kombinieren möchten dafür zu sensibilisieren, dass es durchaus geschlechtsspezifische Unterschiede in Handlungs- und Denkweisen gibt. Das Wissen darüber und der Austausch an Erfahrungen in diesen Bereichen können uns und besonders die jungen Kolleginnen vor Fehlern bewahren und gleichzeitig das Selbstbewusstsein in bestimmten Bereichen stärken.“

Fazit: Frauen in der Urologie sind zwar eine Minderheit, aber eine fachlich sehr kompetente und starke Minderheit, die Solidarität beweist.

Weitere Informationen:

DGU/ BDU- Pressestelle
Bettina-C. Wahlers
Sabine M. Glimm
Stremelkamp 17,
21149 Hamburg

Tel.: 040 – 79 14 05 60
Mobil: 0170 – 48 27 28 7

Mail: info@wahlers-pr.de
Internet: www.urologenportal.de

Pressemitteilung Deutsche Gesellschaft für Urologie e.V., Bettina-Cathrin Wahlers


Krebszeitung

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