Neue Krebstherapie aus alten Medikamenten

Myelomzellen (violett) – die Knochenschädiger im Knochenmark. - Universitätsklinikum Heidelberg

Eine akademische Arbeitsgruppe am Kantonsspital St. Gallen fand ein altes, nicht mehr gebräuchliches HIV-Medikament, dessen Einsatz in der Therapie bestimmter Tumorerkrankungen Ansprechraten erzielt, die über denen der neuesten speziell entwickelten Krebsmedikamente liegt – bei deutlich geringeren Medikamentenkosten. Nun soll der molekulare Mechanismus dieser Wirkung ergründet werden. Finanziert wird das Forschungsprojekt durch Erträge aus einer Zustiftung der verstorbenen Geschwister Dr. Monika und Dr. Isabel Baumann an die Wilhelm Sander-Stiftung.

Geringe Heilungschancen bei resistenten Zellen

Das Multiple Myelom ist eine der häufigsten bösartigen Erkrankungen des Blut- und Lymphsystems. Aktuell sind ca. 2000 Patienten in der Schweiz daran erkrankt. Trotz großer Fortschritte in der Myelomtherapie in den vergangenen Jahren kann die Krankheit meist nicht geheilt werden, auch wenn sie in der Regel im Anfangsstadium durch moderne Therapeutika recht gut beherrscht werden kann.

Die überwiegende Mehrzahl der Myelompatienten verstirbt jedoch nach einigen Jahren nach verschiedenen medikamentösen Therapien, sobald die Erkrankung nicht mehr auf die verfügbaren Medikamente anspricht. Die Lage ist besonders prekär, wenn die Zellen resistent gegenüber sogenannten „Proteasom-Inhibitoren“ werden, einer seit zehn Jahren verfügbaren Medikamentenklasse mit besonders guter Wirksamkeit beim Multiplen Myelom. In dieser Situation beträgt die zu erwartende durchschnittliche weitere Lebensdauer weniger als ein Jahr. Die verfügbare medikamentöse Standardtherapie kostet monatlich mehr als 10.000 CHF und wirkt nur bei gut 30% dieser Patienten.

Etablierte Medikamente für neue Zwecke recyceln

Die Arbeitsgruppe für Experimentelle Onkologie und Hämatologie am Kantonsspital St. Gallen sucht seit einigen Jahren nach alternativen Möglichkeiten, solche therapieresistenten Myelomzellen wieder empfindlich für eine Therapie zu machen. Dabei setzt sie nicht auf die Entwicklung neuer Substanzen, sondern darauf, Medikamente, die seit langem erfolgreich für die Behandlung anderer Krankheiten eingesetzt werden und die daher „sicher“ sind, für die Krebstherapie zu nutzen. Solche Medikamente sollen für die Krebstherapie „recycelt“ werden, indem man bei ihnen mit Hilfe moderner molekularer Methoden neue Wirkmechanismen offenlegt, die sich für die Tumortherapie nutzen lassen.

Die Gruppe hat dabei vor einigen Jahren in Laborversuchen Nelfinavir als ein Medikament identifiziert, mit dem man die Proteasom-Inhibitor-Resistenz bei Myelomzellen überwinden kann. Nelfinavir-Kapseln (Therapiekosten ca. 1.000 CHF monatlich) waren über viele Jahre ein Standardmedikament zur Behandlung der HIV-Infektion, bevor das Mittel durch wirksamere HIV-Medikamente der nächsten Generation vom Markt verdrängt wurde. Nelfinavir besitzt mittlerweile keinen Patentschutz mehr, ist damit kommerziell uninteressant und wird von der Industrie nicht mehr erforscht.

Doppelter Therapieerfolg zum Bruchteil des Preises

Gemeinsam mit der Schweizer Arbeitsgemeinschaft für Klinische Krebsforschung (SAKK) hat die St. Galler Gruppe um ihren Leiter Prof. C. Driessen kürzlich eine klinische Testung einer Therapie mit Nelfinavir bei Myelompatienten in der Schweiz vorgenommen. Die Ergebnisse der Studie zeigten ein Therapieansprechen bei 65% der Patienten, und damit eine deutlich höhere Rate an Wirksamkeit im indirekten Vergleich mit der aktuellen Standardtherapie oder auch zu den neuen Medikamenten der nächsten Generation.

Als „Nelfinavir-Driessen“ wurde der Substanz mittlerweile von der Swissmedic der Status als „orphan drug“ zur Behandlung des Multiplen Myeloms zuerkannt. Die Studie wurde unlängst von der Amerikanischen Gesellschaft für Hämatologie (ASH) als eine von sechs Arbeiten aus dem Bereich „Neue Myelom-Medikamente“ zur Vortragspräsentation anlässlich der ASH Jahrestagung ausgewählt.

Weitere Therapiepotenziale heben

Dieser Therapieerfolg zeigt exemplarisch auf, dass ein wahrscheinlich großes Therapiepotential von sehr vielen „alten“ Medikamenten für die moderne (Krebs-) Medizin nicht erschlossen wird, unter anderem weil dies den kommerziell getriebenen Mechanismen der Entwicklung und Zulassung neuer Medikamente entgegenläuft. Für die erfolgreiche und sichere Behandlung von Patienten, den medizinischen Fortschritt und die zukünftige Stabilität des Gesundheitssystems könnte jedoch ein konsequentes Erforschen und Entwickeln des therapeutischen Potentials „alter“ Medikamente mit den Methoden der modernen Biologie eine wichtige, bisher kaum genutzte Option darstellen.

Nicht bekannt ist jedoch, mit Hilfe welcher Mechanismen bzw. über welche molekulare Zielstruktur Nelfinavir zu diesem Therapieerfolg und dem Absterben der vorher resistenten Myelomzellen führt. Dies soll jetzt in Laboruntersuchungen ergründet werden. Mit diesem Wissen kann einerseits diese Therapie in Zukunft zielgerichteter eingesetzt werden; zum anderen können damit neue Medikamente entwickelt werden, welche den hier erstmals beobachteten therapeutischen Effekt noch besser ausnutzen können.

Zustiftung ermöglichte die Studie

Die für dieses Forschungsprojekt benötigten Mittel in Höhe von 250.000 € werden aus den Erträgen der Zustiftung von Dr. Isabel und Dr. Monika Baumann an die Wilhelm Sander-Stiftung finanziert. Die Geschwister Baumann hatten sich dazu entschlossen, ihr Vermögen nach ihrem Tod an die Wilhelm Sander-Stiftung zu vererben, um damit den Stiftungszweck der medizinischen Forschung zu unterstützen. Beim vorliegenden Forschungsprojekt handelt es sich um die erste Fördermaßnahme, die aus den Erträgen dieser Zustiftung finanziert wird, entsprechend dem Willen der Schwestern.

Kontakt:
Professor Dr. Christoph Driessen
Leitender Arzt
Leiter Experimentelle Onkologie/Hämatologie
Klinik für Onkologie/Hämatologie
Kantonsspital St.Gallen
christoph.driessen@kssg.ch, Tel.: +41 79 931 2830

Die Wilhelm Sander-Stiftung ist eine der größten privaten Stiftungen Deutschlands. Stiftungszweck ist die Förderung der medizinischen Forschung, insbesondere von Projekten im Rahmen der Krebsbekämpfung. Seit Gründung der Stiftung wurden insgesamt über 220 Millionen Euro für die Forschungsförderung in Deutschland und der Schweiz bewilligt. Die Stiftung geht aus dem Nachlass des gleichnamigen Unternehmers hervor, der 1973 verstorben ist.

Weitere Informationen zur Stiftung: http://wilhelm-sander-stiftung.de/

Weitere Informationen finden Sie unter
http://www.risingtide-foundation.org/kantonsspital-st-gallen
https://www.gatewaycr.org/research/funded-clinical-trials/Blood-Cancer/Dr-Christoph-Driessen/6048

Pressemitteilung
Wilhelm Sander-Stiftung, Bernhard Knappe, 27.03.2017


Krebszeitung

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