Palliation ist in Studien zu fortgeschrittenen Krebserkrankungen kaum Thema

Elektronenmikroskopische Aufnahme der Interaktion von Lymphomzellen mit Epithelzellen der Blutgefäße. Foto: Wilting
Elektronenmikroskopische Aufnahme der Interaktion von Lymphomzellen mit Epithelzellen der Blutgefäße. Foto: Wilting

RCTs berücksichtigen Aspekte des Lebensendes selten / Übergeordnete patientenrelevante Therapieziele fehlen oft

Aspekte des Lebensendes, die entsprechende Terminologie und die Relevanz der Palliation bei fortgeschrittenen Krebserkrankungen werden in Publikationen zu kontrolliert randomisierten Studien (RCT) häufig nicht berücksichtigt. Zu diesem Ergebnis kommt eine Analyse des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), die jetzt in Form eines Arbeitspapiers veröffentlicht wurde.

Gemeinsam mit externen Sachverständigen hat das IQWiG exemplarisch Studien zu vier soliden Tumoren analysiert: Glioblastom, Bronchialkarzinom, malignes Melanom und Pankreaskarzinom. Dafür hat das Forscherteam Publikationen zu RCTs ausgewertet, die den Einsatz krankheitsmodifizierender Therapien, wie z. B. Chemo- oder Strahlentherapie, untersuchten. Nicht eingeschlossen wurden Studien zu rein symptomatische Interventionen, wie etwa eine Anus-Praeter-Anlage.

Nur 40 Prozent benennen übergeordnete Therapieziele

Insgesamt haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler 100 Publikationen zu Studien einbezogen, jeweils 25 für jede der vier Indikationen. Obwohl die mittlere Überlebenszeit (Median) bei diesen vier Tumorarten in der Regel höchstens 24 Monate beträgt, machten nur 71 Prozent der Publikationen in ihren einleitenden Ausführungen zum Studiensetting eindeutige Angaben zur fortgeschrittenen Krankheitsphase.

Ein übergeordnetes patientenrelevantes Therapieziel wurde nur in rund 40 Prozent der Publikationen benannt. Damit sind nicht die Studienendpunkte gemeint, sondern das, was mit der jeweiligen Intervention klinisch intendiert wird und Patientinnen und Patienten erhoffen können. In den meisten Fällen (30 von 38) war dabei allein die Lebensverlängerung gemeint, nur bei zwei Publikationen jeweils die Lebensqualität oder die Symptomkontrolle.

PROs sind deutlich unterrepräsentiert

Dementsprechend wurden in den Studien fast ausschließlich das Gesamtüberleben oder ein Surrogatparameter, wie z. B. das progressionsfreie Überleben oder das „Tumoransprechen“, als primärer Endpunkt erhoben.

Von Patienten berichtete Endpunkte, sogenannte PROs (patient-reported outcomes), zu denen auch die Lebensqualität gehört, waren in keiner Studie das primäre Zielkriterium. Sie wurden lediglich als sekundäre oder tertiäre Studienendpunkte benannt, und das auch nur bei 36, also gut einem Drittel der Publikationen. Bei 31 wurden die Ergebnisse für die PROs in der Primärpublikation berichtet. Bei den übrigen fünf dürften diese Befunde erst in späteren Veröffentlichungen – und damit in der Regel weniger prominenten Organen -nachgereicht worden sein.

Nutzen-Schaden-Abwägung nicht immer nachvollziehbar

Im überwiegenden Teil der Publikationen thematisierten die Autorinnen und Autoren das Verhältnis von Nutzen und Schaden der jeweiligen Interventionen. Aber nur in 22 dieser 88 Veröffentlichungen haben sie die Bedeutung von Nebenwirkungen für die Patienten angemessen reflektiert und dargestellt, bei 53 durch bestimmte Formulierungen stattdessen verharmlost. Zwar zogen alle Autoren ein entsprechendes Fazit, aber nur bei 48 der Publikationen war dieses anhand der zuvor berichteten Studienergebnisse auch nachvollziehbar.

Begriffe werden unterschiedlich verwendet

Ziel des Arbeitspapiers war auch, Begriffe aus dem Kontext von „Kuration“ und „Palliation“ zu klären. Das war allerdings nicht möglich, da diese in den ausgewerteten Publikationen nicht einheitlich verwendet und selten definiert werden.

Unklar ist beispielsweise die Bedeutung von „Salvage-Therapie“: Zwar ist Salvage mit „Rettung“ oder „Bergung“ zu übersetzen, was Patienten annehmen lassen könnte, die Therapie, der sie sich unterziehen, könnte sie „retten“, also „heilen“. Aber genau dies ist in der spezifischen Therapiesituation nicht mehr realistisch.

Spezifische Therapiesituation nicht adäquat abgebildet

„Unsere Untersuchung hat gezeigt, dass die spezifische Therapiesituation der Patientinnen und Patienten, bei denen das Lebensende absehbar ist, in den Publikationen nicht angemessen abgebildet wird“, resümiert Stefan Lange, stellvertretender Leiter des IQWiG und einer der Autoren des Arbeitspapiers.

Und dieses Defizit sei gravierend. Denn Ärztinnen und Ärzte bezögen sich in ihren Gesprächen mit Patientinnen und Patienten auch auf Ergebnisse klinischer Studien beziehen. „Sie können nur dann gemeinsam gute Entscheidungen über Therapieoptionen treffen, wenn sie vollständige und ungeschönte Informationen über den zu erwartenden Nutzen und Schaden haben“, so Lange.

Das sei aber gerade bei absehbar zum Tode führenden Erkrankungen wichtig, zumal die Therapien für die Patienten in der Regel belastend seien. Von vielen Beteiligten, seien es Ärzte, Wissenschaftler oder auch Vertreter der Industrie, werde immer wieder betont, dass Lebensqualität für diese Patientengruppe eine überragende Bedeutung habe. „Umso unverständlicher ist es, dass dieser Aspekt in den Studien offenkundig noch immer vernachlässigt wird“, meint Stefan Lange.

Zum Ablauf der Berichtserstellung

Der vorliegende Bericht entstand in Zusammenarbeit mit externen Sachverständigen und wurde in Form eines Arbeitspapiers im Rahmen des Generalauftrags erstellt. Um die wissenschaftliche Unabhängigkeit des Institutes zu stärken, hat der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) im Dezember 2004 einen Generalauftrag erteilt und diesen 2006 auf Informationen zur Qualität und Effizienz des Gesundheitswesens ausgeweitet. Dieser ermöglicht es dem IQWiG, eigenständig Themen aufzugreifen und zu bearbeiten. Im Unterschied zu anderen Berichtsformen gibt es bei Arbeitspapieren kein Stellungnahmeverfahren.

Pressekontakt:
Tel.+49 (0)221 – 35685-0
E-Mail » presse@iqwig.de

Weitere Informationen finden Sie unter
https://www.iqwig.de/de/projekte_ergebnisse/projekte/institutsleitung/ga12_01_palliation_vs_kuration_versuch_einer_begriffserklarung.2698.html#overview – zum IQWiG-Arbeitspapier

Neue Therapie bei Lungenkrebs


Krebszeitung

--Download Palliation ist in Studien zu fortgeschrittenen Krebserkrankungen kaum Thema als PDF-Datei --


  • Patientin - pixabay
    Brustkrebs

    Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG), der Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie (AGO) der DGGG und der DKG, der Deutschen Gesellschaft für Seno-logie (DGS), des Berufsverbandes der Frauenärzte (BVF) und der Frauenselbsthilfe nach Krebs e.V. am 6.9.2012 in Berlin

    Mit großer Besorgnis beobachten Fachgesellschaften, Berufsverbände und Selbsthilfegruppen, dass Krankenkassen mit einer restriktiven Budgetierung die Behandlung von Brustkrebspatientinnen zunehmend gefährden. Denn immer häufiger werden vor allem bei brusterhaltenden Therapieformen die von den Krankenkassen und der Deutschen Krankenhausgesellschaft festgelegten Pauschalen nicht mehr akzeptiert, die berechnet wurden, um eine leitliniengerechte, evidenzbasierte Krebsbehandlung durchzuführen. Eine interdisziplinäre, moderne, evidenzbasierte Diagnostik, Therapie und Betreuung von Brustkrebspatientinnen, die Voraussetzung für gute Heilungschancen ist und deshalb den Standard in den zertifizierten Brustzentren in Deutschland darstellt, lässt sich bei einer Kürzung dieser Pauschalen nicht mehr durchführen, wie Prof. Dr. med. Bernd Gerber, Rostock, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Senologie, auf einer Pressekonferenz am 6.9.2012 in Berlin ausführte.

    […mehr lesen]

  • Der HDAC-Inhibitor verstärkt deutlich die Wirkung eines Chemotherapeutikums in Prostatakrebszellen. - Quelle: Prof. James Beck, Universitätsklinikum Jena
    dkfz

    Wissenschaftler vom Deutschen Krebsforschungszentrum und vom Universitätsklinikum Heidelberg identifizierten das Enzym HDAC11 als vielversprechende Zielstruktur für neue Krebstherapien. Wird das Molekül ausgeschaltet, so stellen die Krebszellen ihr Wachstum ein und sterben ab. Normalen Zellen schadet eine Blockade von HDAC11 dagegen nicht. Auf der Basis dieser Ergebnisse suchen die Forscher nun nach selektiven Wirkstoffen gegen HDAC11.

    Bei der Suche nach neuen Krebsmedikamenten werden seit einigen Jahren Substanzen erprobt, die die so genannten HDAC-Enzyme hemmen. „Studien haben gezeigt, dass solche HDAC-Inhibitoren das Wachstum von Krebszellen in der Kulturschale sehr gut bremsen. Aber außer bei einem seltenen Lymphdrüsenkrebs sind diese Medikamente im klinischen Einsatz leider nicht gegen bösartige Tumoren wirksam“, sagt Prof. Dr. Olaf Witt, Leiter einer Forschungsabteilung im Deutschen Krebsforschungszentrum und Kinderarzt am Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin des Universitätsklinikums Heidelberg.

    […mehr lesen]

Google News – Gesundheit