Pflanzlicher Wirkstoff gegen Hirntumore

Die Behandlung mit Silibinin aus dem Samen der Mariendistel könnte für Patienten mit Morbus Cushing ... Curtis Clark, Wikipedia (CC BY-SA 2.5)
Die Behandlung mit Silibinin aus dem Samen der Mariendistel könnte für Patienten mit Morbus Cushing ... Curtis Clark, Wikipedia (CC BY-SA 2.5)

Silibinin aus der Mariendistel als neue, nicht-invasive Behandlungsstrategie gegen Morbus Cushing

Die Behandlung mit Silibinin aus dem Samen der Mariendistel könnte für Patienten mit Morbus Cushing ... Curtis Clark, Wikipedia (CC BY-SA 2.5)
Die Behandlung mit Silibinin aus dem Samen der Mariendistel könnte für Patienten mit Morbus Cushing …
Curtis Clark, Wikipedia (CC BY-SA 2.5)

Silibinin ist für Menschen ausgesprochen gut verträglich und wird derzeit zur Behandlung von Lebervergiftung durch den Knollenblätterpilz verwendet. Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München haben nun in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern des Halmholtz Zentrums München entdeckt, dass Silibinin sowohl in der Zellkultur, in Tiermodellen als auch in menschlichem Tumorgewebe bei der Behandlung von Morbus Cushing erfolgreich ist. Morbus Cushing ist eine seltene, hormonelle Erkrankung, die durch einen Tumor in der Hirnanhangdrüse verursacht wird. Die Forscher haben ein Patent auf diese Anwendung des Wirkstoffs eingereicht und wollen jetzt Silibinin in einer klinischen Studie testen. Künftig könnten die Patienten dank der neuen Behandlungsmöglichkeit auf eine Hirn-Operation verzichten.

Morbus Cushing, nicht zu verwechseln mit dem Cushing-Syndrom, wird durch einen Tumor in der Hirnanhangdrüse verursacht. Das Tumorgewebe produziert große Mengen des Stresshormons Adrenocorticotropin (ACTH), was wiederum zur Freisetzung von Cortisol aus der Nebennierenrinde führt. Übermäßig viel Cortisol verursacht schnelle Gewichtszunahme, erhöhten Blutdruck und Muskelschwäche. Die Patienten haben ein erhöhtes Risiko für Osteoporose und Infektionskrankheiten und können kognitive Defizite oder sogar Depressionen entwickeln. Bei 80 bis 85 Prozent der Patienten kann der Tumor durch eine Hirn-Operation entfernt werden, aber bei den übrigen Betroffenen ist eine Operation nicht möglich. Generell fürchten sich viele Patienten vor dem Eingriff. Derzeit ist nur ein alternatives Medikament zugelassen, welches allerdings bei über 20 Prozent der behandelten Patienten starke Nebenwirkungen wie Überzucker (Hyperglykämie) auslöst.

Wissenschaftler um den Endokrinologen Günter Stalla am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München haben jetzt einen pflanzlichen Wirkstoff entdeckt, der in der Zellkultur, in Tiermodellen und in menschlichem Tumorgewebe bei der Behandlung von Morbus Cushing erfolgreich ist. „Silibinin ist ein Wirkstoff aus den Samen der Mariendistel. Es ist für Menschen ausgesprochen gut verträglich und wird momentan gegen Lebervergiftung durch den Knollenblätterpilz verwendet“, erklärt Marcelo Paez-Pereda, Leiter der aktuell in der renommierten Fachzeitschrift Nature Medicine veröffentlichten Studie. Nach der Behandlung mit Silibinin produzierten die Tumorzellen wieder normale Mengen an ACTH, das Tumorwachstum verlangsamte sich und die für Morbus Cushing typischen Symptome klangen bei Mäusen ab.

2013 haben die Max-Planck-Wissenschaftler ein Patent für eine Gruppe von synthetischen und natürlichen Wirkstoffen einschließlich Silibinin eingereicht, die zur Bekämpfung von Tumoren der Hirnanhangdrüse verwendet werden können. Beim Menschen leiden nur 5,5 von 100.000 Personen an Morbus Cushing, aber bei Haustieren ist die Krankheit sehr häufig. Beispielsweise erkranken vier Prozent der Hunde und sogar sieben Prozent der Pferde an Morbus Cushing. Spezielle Rezepturen aus hochreinen Substanzen, die den Wirkstoff Silibinin langsam freisetzen, sollen deshalb jetzt in klinischen Studien erprobt werden.

„Wir wussten, dass Morbus Cushing durch die Freisetzung von zu viel ACTH ausgelöst wird und haben uns also gefragt, was diese Überproduktion verursacht und wie wir das stoppen können“, sagt Paez-Pereda. Die Forscher haben in ihren ersten Experimenten im Tumorgewebe von Patienten mit Morbus Cushing enorm viel Hitzeschockprotein 90 (HSP90) gefunden. Wenn es in normalen Mengen vorhanden ist, unterstützt HSP90 die richtige Faltung eines anderen Proteins, des Glukokortikoidrezeptors. Dieser wiederum hemmt die Produktion von ACTH. „Da sich im Tumorgewebe viel zu viel HSP90 befindet, bleibt es am Glukokortikoidrezeptor kleben“, erklärt Paez-Pereda. „Wir haben herausgefunden, dass Silibinin an HSP90 bindet und somit der Glokokortikoidrezeptor wieder freigesetzt wird und seine eigentliche Funktion ausüben kann.“

Mit Silibinin haben die Wissenschaftler nicht nur für Morbus Cushing eine nicht-invasive Behandlungsmöglichkeit entdeckt. Man könnte den Wirkstoff auch gegen andere Krankheiten wie Lungenkrebs, akute lymphatische Leukämie oder Multiple Myelome einsetzen, weil bei diesen ebenfalls Glukokortikoidrezeptoren eine Rolle spielen

Originalveröffentlichung
A C–terminal HSP90 inhibitor restores glucocorticoid sensitivity and relieves a mouse allograft model of Cushing disease.
Riebold M, Kozany C, Freiburger L, Sattler M, Buchfelder M, Hausch F, Stalla GK and Paez–Pereda M.
Nature Medicine, 9. Februar 2015

Kontakt
Dr. Marcelo Paez-Pereda
Tel.: 089-30622-292
Mail: paezpereda@psych.mpg.de

Dr. Anna Niedl
Referentin für Öffentlichkeitsarbeit
Tel.: 089-30622-263
Mail: anna_niedl@psych.mpg.de

Maßgeschneiderte Strategie gegen Glioblastome


Krebszeitung

--Download Pflanzlicher Wirkstoff gegen Hirntumore als PDF-Datei --


  • Wissenschaftler untersuchen, wie Antikörper gesundes Gewebe von Leukämiepatienten am besten schützen können. © Dirk Mahler/Fraunhofer
    Forschung

    EU unterstützt internationales Forschungsprojekt für personalisierte Krebsmedizin unter Ulmer Beteiligung mit 5,5 Millionen Euro.

    Kein Krebs gleicht dem anderen, selbst Leukämie ist nicht gleich Leukämie. Der Unterschied liegt im Erbgut: Jeder Krebs hat seinen eigenen genetischen Fingerabdruck. Krebsmediziner stehen deshalb täglich vor der Herausforderung, die richtige Therapie für ihre Patienten zu finden, denn die konventionelle Chemotherapie schlägt aufgrund dieser genetischen Unterschiede nicht bei jedem gleich gut an. Was fehlt, sind Diagnose- und Therapiemethoden, die auf die jeweils spezifischen genetischen Veränderungen jedes einzelnen Patienten zugeschnitten sind. Durch die Entschlüsselung des Genoms im Jahr 2003 und die Entwicklung neuer leistungsfähiger Methoden zur Untersuchung des menschlichen Erbguts ist der Traum einer solchen „personalisierten Medizin“ jedoch in greifbare Nähe gerückt. An seiner Erfüllung arbeitet derzeit auch ein internationales Netzwerk aus Leukämieforschern und Biotechnik-Unternehmen unter Beteiligung des Universitätsklinikums Ulm. Der Forschungsverbund erhält über die nächsten drei Jahre 5,5 Millionen Euro von der Europäischen Union. 450.000 Euro davon gehen an die Ulmer Universitätsklinik für Innere Medizin III (Ärztlicher Direktor: Prof. Dr. Hartmut Döhner).

    „Bislang stehen wir in der Behandlung von Leukämiepatienten insbesondere vor zwei Problemen: Zum einen wissen wir vorher nicht, ob die Chemotherapie anschlagen wird. Zum anderen dauert die Diagnostik bestimmter Biomarker, die möglicherweise eine andere Therapie nahelegen würden, noch zu lange“, sagt Prof. Dr. Lars Bullinger. Der Leukämieforscher ist gemeinsam mit seiner Kollegin Prof. Dr. Konstanze Döhner verantwortlich für den Ulmer Beitrag zum Forschungsnetzwerk, das genau diese Problematik im Rahmen einer translationalen Studie beseitigen will. Studien dieser Art haben das Ziel, Erkenntnisse präklinischer Forschung für die praktische Anwendung in der Klinik nutzbar zu machen.

    […mehr lesen]

  • Histologischer Schnitt durch eine Prostata mit normaler Drüsenstruktur (links) und Tumorzellherden (rechts). Farblich unterscheidbar sind Zellkerne (braun), Bindegewebe (blau) und Drüsenlumen (weiße Bereiche). Maßstab/ Vergrößerung: 200-fach Quelle: NGFN
    Prostatakrebs

    Welche genetischen Voraussetzungen erhöhen das Risiko, an Krebs der Vorsteherdrüse zu erkranken? Welche molekularen Veränderungen begleiten Entstehung und Ausbreitung dieses Tumors? Welche krebsfördernden Gene sind aktiviert, welche tumorhemmenden ausgeschaltet? Diesen und anderen Fragen versuchen die Mitglieder des Deutschen Prostatakarzinom-Konsortiums (DPPK) – ein interdisziplinärer Verbund von Wissenschaftlern aus den Bereichen Urologie, Pathologie, klinischer Chemie, Genetik und Grundlagenforschungseinrichtungen (Deutsches Krebsforschungszentrum, Max-Planck-Institut) sowie Patientenvertretern – gemeinsam auf den Grund zu gehen.

    […mehr lesen]

Google News – Gesundheit