Sexualstörungen

Medikamente gegen ED - Bild: Detlef Höwing

Sexualität gehört zum Menschen, wie Essen und Trinken und damit zu unseren ureigenen Trieben. Dieser Trieb ermöglicht es uns erst, eine Partnerschaft eingehen zu können und uns fortzupflanzen.  Wissenschaftler haben in Studien nachgewiesen, dass Sexualität noch eine zusätzliche große Bedeutung für uns Menschen hat. Sie spielt eine große Rolle für unsere Gesundheit und unser seelisches Gleichgewicht.

Es gibt jedoch eine Vielzahl von physischen und psychischen Erkrankungen, die Störungen unseres Sexuallebens verursachen können. Hier sind in erster Linie psychische Ursachen zu nennen. Aber auch verschiedenste körperliche Ursachen, wie Krankheiten, Unfälle oder Operationen können zu Sexualstörungen führen.

Frauen, wie Männer scheinen von Sexualstörungen gleichermaßen betroffen zu sein, wobei die Dunkelziffer hier sehr groß ist. Denn viele Betroffene reden über ihr Problem nicht mal mit ihrem Partner, oft nicht mal mit Freunden. Und häufig gehen viele von ihnen damit nicht zum Arzt. Die Folge können schwerste Depressionen sein. Dabei sind Sexualstörungen, wenn die Ursachen erkannt wurden, oft sehr gut behandelbar.

Erektionsstörungen – Aus für die Liebe?

Medikamente gegen ED - Bild: Detlef Höwing
Medikamente gegen ED – Bild: Detlef Höwing

Die meisten Männer haben schon Situationen erlebt, in denen ihr Penis seinen Dienst versagt hat. Gerade zu Beginn einer neuen Beziehung oder in Zeiten mit besonders starkem Stress sind solche „Hänger“ nicht selten. Es ist daher notwendig festzulegen, wann Erektionsstörungen Krankheitswert haben. In der Medizin spricht man von einer erektilen Dysfunktion (ED), wenn über einen längeren Zeitraum in der Mehrzahl der Versuche keine für einen befriedigenden Geschlechtsverkehr ausreichende Erektion erreicht wird.

Die erektile Dysfunktion beschreibt ein chronisches Krankheitsbild von mindestens 6-monatiger Dauer bei dem mindestens 70 Prozent der Versuche, einen Geschlechtsverkehr zu vollziehen, erfolglos sind.

Aus der Leitlinie “Diagnostik und Therapie von Libido- und Erektionsstörungen” der Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU)

Zur Prävalenz der ED existieren verlässliche Zahlen aus einer im Jahr 1998 im Stadtbezirk Köln durchgeführten Studie. Bei 19,2% aller Männer zwischen 30 und 80 Jahren wurde eine erektile Dysfunktion festgestellt. Mit höherem Alter nimmt die Häufigkeit der Erektionsstörung deutlich zu. Bei den 30 bis 39-jährigen waren 2,3% betroffen, bei den 70 bis 80-jährigen waren es dagegen 53,4%.

Die Markteinführung von Viagra® im Jahr 1998 hat zu einer wahren Flut von Beiträgen über Erektionsstörungen in den Medien geführt. Dabei wurden oft auch die inzwischen existierenden Behandlungsmöglichkeiten angesprochen. Man könnte daher annehmen, dass Erektionsstörungen für betroffene Männer heutzutage kein Problem mehr darstellen. Leider sieht die Wirklichkeit anders aus. So zeigen beispielsweise Studien und Schätzungen, dass nur 10 bis 20% aller betroffenen Männer deswegen einen Arzt aufsuchen, und das auch nur nach 1 bis 2 Jahren.

Situation der betroffenen Männer

Für Männer ist ihr Selbstgefühl von Männlichkeit und Potenz stark gekoppelt an die Erektion. Fast jeder Mann mit Erektionsstörungen stürzt daher in ein wahres Gefühlschaos:

  • er fühlt sich nicht mehr als „richtiger“ Mann, sondern als Versager, als „Schlappschwanz“, und schämt sich für seine Unmännlichkeit,
  • er hat Angst, dass seine Partnerin ihn verlässt, sobald ihr ein potenter Mann über den Weg läuft,
  • er hat Angst, dass sein Zustand bekannt wird und er damit lächerlich wird,
  • er trauert der vermeintlich für immer komplett verlorenen Sexualität nach.

Diese Gefühle und Vorstellungen erschüttern das Selbstwertgefühl zutiefst und wirken sich negativ auf Partnerschaft, soziale Kontakte und Arbeitsfähigkeit aus. Viele betroffene Männer ziehen sich von ihrer Partnerin zurück, gehen allen Zärtlichkeiten aus dem Weg und verweigern ein Gespräch über ihren Zustand. Natürlich wird auch der Gang zum Arzt wegen der Erektionsstörung zu einer fast unüberwindbaren Hürde.

Die Situation wird noch dadurch verschärft, dass es vielen Paaren sehr schwer fällt, sich über ihre Sexualität auszutauschen. Der Mann kann dann nur Vermutungen darüber anstellen, welchen Stellenwert die Sexualität und speziell der Geschlechtsverkehr für seine Partnerin hat. Die Treffsicherheit solcher Vermutungen ist aber äußerst gering. Auch viele unrealistische und falsche Annahmen über Sexualität (sexuelle Mythen) erschweren eine Bewältigung des Problems. Vielen Männern ist auch unbekannt, dass eine Erektion keine Voraussetzung für einen Orgasmus ist. Der gesunde Mann erlebt Erektion, Ejakulation und Orgasmus zusammengehörig, gleichsam wie ein Dreiklang in der Musik. In Wirklichkeit sind Erektion, Ejakulation und Orgasmus drei voneinander unabhängige Vorgänge. Ein Mann mit Erektionsstörungen kann daher auch bei schlaffem Penis durch entsprechende Stimulation zum Orgasmus kommen.

Sexualität - Bild: Detlef Höwing

Aus dieser Situation gibt es keinen einfachen Ausweg. Es bedarf vieler Anstöße von unterschiedlichen Seiten, um den Blick der Männer weg von der Resignation hin zu einer trotz allem möglichen befriedigenden Sexualität zu lenken. Dabei können auch Ärzte und das Pflegepersonal durch Informationsvermittlung und Hinweise auf Ansprechpartner eine wichtige Rolle spielen. Allein das selbstverständliche Ansprechen der Sexualität kann für den Patienten sehr befreiend wirken.

Auch beim Austausch mit anderen Betroffenen in einer Selbsthilfegruppe erleben viele Männer, dass das Reden über ihr Problem sehr befreiend ist und es Wege zu einer trotz ED befriedigenden Sexualität gibt.

Ursachen der erektilen Dysfunktion

Die Entstehung und Aufrechterhaltung einer Erektion ist ein komplexer Vorgang, bei dem viele Einzelvorgänge nahtlos zusammenwirken müssen. Vereinfacht dargestellt, entsteht eine Erektion folgendermaßen:

  • Sinnliche Reize werden im Gehirn aufgenommen und bewertet.
  • Vom Gehirn werden Nervenimpulse über das autonome Nervensystem (Parasympathikus) an den Penis gesendet.
  • An den Nervenenden werden Neurotransmitter freigesetzt, die über eine komplexe biochemische Reaktionskette eine Erschlaffung der glatten (nicht willkürlich beeinflussbaren) Schwellkörpermuskulatur bewirken.
  • Durch das Erschlaffen der Schwellkörpermuskulatur werden die Hohlräume in den Schwellkörpern (corpora cavernosa) größer und Blut strömt ein.
  • Das einströmende Blut bewirkt eine Vergrößerung (Tumeszenz) des Penis. Da die Schwellkörper von einer festen Haut (Tunica albuginea) umgeben sind, werden durch die Ausdehnung der Schwellkörper die Venen komprimiert. Damit wird der Blutabfluss stark gedrosselt.
  • Die vollständige Versteifung (Rigidität) wird durch Kontraktion der Beckenbodenmuskulatur (M. m ischiocavernosi) erreicht. Dabei entstehen in den corpora cavernosa Blutdruckwerte, die größer als 400 mm Hg sein können.

Dieser Ablauf kann an vielen Stellen gestört sein. Das beginnt bei der Verarbeitung und Bewertung der Reize. Ein sexueller Reiz soll ja keinesfalls immer eine eine Erektion auslösen, das ist z.B. abhängig von der konkreten Situation und den geltenden gesellschaftlichen Normen. Eine psychische Ursache für Erektionsstörungen liegt vor, wenn die Bewertung der sexuellen Reize nicht zu einer gewünschten Erektion führt.

Risikofaktoren für eine psychisch bedingte ED:

  • Depressionen
  • Traumatische sexuelle Erfahrungen
  • Partnerschaftsprobleme
  • Stress, soziale Ängste
  • Versagensängste, unrealistische
    Erwartungen
  • Ungeklärte sexuelle Orientierung

Bei organischen Ursachen für Erektionsstörungen unterscheidet man:

  1. Störungen bei der Blutzufuhr oder dem Blutabfluss (vaskuläre Ursachen)
  2. Schädigungen im ZNS oder PNS (neurogene Ursachen)
  3. Hormonstörungen (endokrine Ursachen)
  4. Schädigungen des Schwellkörpergewebes (kavernöse Ursachen)

Die möglichen organischen und psychischen Ursachen können ihrerseits durch eine Reihe von Risikofaktoren bedingt sein. Die wichtigsten psychischen und organischen Risikofaktoren sind in den nebenstehenden Kästen aufgeführt.

Weil Männlichkeit in unserer Gesellschaft mit Potenz gleichgesetzt wird, führen auch rein organisch verursachte Erektionsstörungen fast immer zu psychischen Problemen, die ihrerseits die Erektionsstörung verstärken und aufrecht erhalten. Die resultierende Versagensangst führt in einen Teufelskreis, aus dem der Mann ohne Hilfe keinen Ausweg findet: Angst und intensive Selbstbeobachtung verhindern eine ausreichende Erektion, und das Erleben dieses „Versagens“ erhöht die Angst.

Eine moderne Behandlung der erektilen Dysfunktion wird daher auch bei erkennbaren organischen Ursachen die psychischen Probleme nicht aus dem Blick verlieren und gegebenenfalls parallel behandeln.

In den letzten Jahren wurde durch viele Studien gezeigt, dass eine ED erstes Symptom einer noch nicht erkannten Krankheit wie beispielsweise Diabetes mellitus, koronare Herzerkrankung, Hypertonie, Hyperlipidämie oder Arteriosklerose sein kann. Es ist daher wichtig, dass bei einer ED eine gründliche Diagnose durchgeführt wird und nicht vorschnell nur das Symptom behandelt wird.

Weiterführende Informationen über Sexualstörungen:

Selbsthilfegruppe Erektile Dysfunktion (Impotenz)
Günther Steinmetz
Weiherweg 30A
82194 Gröbenzell
Telefon: 08142 59 70 99 und  030 76 68 95 21
E-Mail: kontakt@impotenz-selbsthilfe.de
Internet: www.impotenz-selbsthilfe.de

Universitätsklinikum Freiburg
ISG – Informationszentrum für Sexualität und Gesundheit e.V.
Sabine Pirnay-Kromer
Hugstetter Strasse 55
79106 Freiburg
Telefon: 0761 / 270 2701
Telefax: 0761 / 270 2745
info@isg-info.org
www.isg-info.de

Detlef Höwing und Günther Steinmetz


Krebszeitung

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