Viren in der Krebstherapie

Wie tragen die adenoviralen Proteine zur Transformation einer Zelle bei? - Quelle: Timo Sieber
Wie tragen die adenoviralen Proteine zur Transformation einer Zelle bei? - Quelle: Timo Sieber

Laufende klinische Studien rücken Viren als neue Waffe der Krebstherapie ins Blickfeld, insbesondere bei Tumoren, bei denen herkömmliche Ansätze der Chirurgie, Strahlen- oder Chemotherapie versagen oder nur begrenzt wirksam sind, z. B. bei bestimmten Hirntumoren oder Bauchspeicheldrüsenkrebs. Unter den Parvoviren identifizierte Professor Jean Rommelaere, Abteilung Tumorvirologie, Deutsches Krebsforschungszentrum, Virustypen mit deutlicher Wirkung gegen Krebszellen ohne relevante Nebenwirkungen.

Eine Reihe von Viren zeigt eine unspezifische Wirksamkeit gegen Tumoren, doch verursachen einige davon unerwünschte Nebenwirkungen, obwohl sie selbst keine Infektion auslösen. Prominentes Beispiel sind lebensbedrohliche Entzündungs- und Immunreaktionen nach Anwendung modifizierter Adenoviren. Eine Ausnahme sind die so genannten Parvoviren, die im Tiermodell auch nach wiederholter Injektion keine Immunreaktion auslösten. Mit ihren nur 20 Millionstel Millimetern Durchmesser sind Parvoviren wahre Wesen aus der Nanowelt. Sie bevorzugen für ihre Vermehrung ausschließlich sich teilende Zellen. Somit finden sie in schnell wachsenden Tumoren optimale Bedingungen vor, in ausdifferenziertem, gesundem Gewebe dagegen kommt es kaum zur Virusvermehrung. Die Viren brachten bei Experimenten in der Kulturschale Krebszellen zum Absterben, in Mäusen verhinderten sie das Entstehen von Tumoren.

Parvoviren rufen keine ernsthafte Erkrankung hervor, außerdem bauen sie ihr Erbgut nicht in das Genom der infizierten Zellen ein, so dass das Risiko, wachstumsfördernde Gene zu aktivieren, gering ist. Für seine Arbeit wählte Rommelaere zwei Parvoviren, die normalerweise Nagetiere befallen, aber auch für menschliche Zellen infektiös sind, beide Vertreter der so genannten autonomen Parvoviren. Diese Virengruppe kann sich selbstständig in der Wirtszelle vermehren. Nur die Mitglieder der Gruppe der autonomen Parvoviren sind in der Lage, Krebszellen abzutöten. Durch Produktion eines Eiweißstoffs, der direkt verantwortlich ist für den zerstörerischen Effekt auf die infizierten Zellen, übernimmt das Virus die Herrschaft über die Zelle.

Wegen ihrer besonderen Eigenschaften beschränkt sich die Anwendung der Parvoviren auf bestimmte Gewebe einschließlich einiger Tumoren. Die hohe Sicherheit limitiert aber unter Umständen auch die Wirksamkeit. Präklinische Studien haben eine signifikante Wirkung gegen Tumoren gezeigt, die aber bei hoher Tumorlast nicht zum Tragen kommt. Deshalb arbeitet die Gruppe von Prof. Rommelaere an gezielten Strategien, um das o­nkolytische Potenzial dieser Viren noch zu verstärken. Ziel sind modifizierte Parvoviren, die sowohl o­nkolytische als auch immunologische Therapieprinzipien vereinigen. Ein möglicher Ansatz ist z. B., einen Teil des Erbguts der Parvoviren durch Gene von Zytokinen – Botenstoffen des Immunsystems – zu ersetzen. Solche genveränderten, „rekombinanten“ Parvoviren veranlassen infizierte Zellen dazu, Zytokine zu bilden, die ihrerseits Abwehrzellen des Immunsystems zum Angriff stimulieren – nicht nur gegen die infizierte Zelle, sondern auch gegen benachbarte Tumorzellen. Damit, so erwarten die Wissenschaftler, werden auch Krebszellen erreicht, die nicht direkt durch ein Virus infiziert worden sind.

Prof. Dr. Jean Rommelaere,
Abteilung Tumorvirologie, DKFZ Heidelberg


Krebszeitung

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  • Unter dem Rasterelektronenmikroskop: Hydrogel mit hoher Porendichte als mögliche Basis eines Prostata-Modells (Aufnahme: Dr. Friederike J. Gruhl, KIT)
    Prostatakrebs

    Langzeitstudie vergleicht Therapien auf Vorteile für Patienten

    Berlin – In Deutschland ist Prostatakrebs unter Männern die häufigste Krebserkrankung. Jedes Jahr werden nach Angaben des Robert Koch-Instituts etwa 63 400 Neuerkrankungen diagnostiziert. Ein Prostatakrebs kann heute im Frühstadium durch eine Operation oder eine Strahlentherapie geheilt werden. Beide Behandlungen haben jedoch unterschiedliche Auswirkungen auf die Lebensqualität, die nach Ansicht der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie (DEGRO) bei der Therapiewahl berücksichtigt werden sollten. Eine Langzeitstudie, die nach der Therapie die körperliche Funktion der Blase, des Darms sowie Potenzstörungen untersuchte, liefert hierfür nun wichtige neue Erkenntnisse.

    Prostatakrebs ist heilbar, und betroffene Männer haben nach der Diagnose eine Lebenserwartung von 15 Jahren oder länger. Während dieser Zeit müssen die Patienten mit den Folgen der Therapie leben, die bei Operation und Radiotherapie zunächst unterschiedlich sind. „Nach der Operation, bei der die Prostata komplett entfernt wird, kommt es häufig zur Harninkontinenz und zu Potenzstörungen“, erklärt DEGRO-Präsident Professor Dr. med. Jürgen Dunst, Direktor der Klinik für Strahlentherapie an der Universität Lübeck. Für den Alltag heißt das nicht nur, dass einige Männer Einlagen tragen müssen, sondern auch, dass die Erektionsfähigkeit verloren gehen kann. Die Strahlentherapie sei hier im Vorteil, so Dunst. Viele Patienten, die vor der Behandlung diesbezüglich keine Probleme hatten, bleiben nach der Bestrahlung ebenfalls beschwerdefrei. Es könne jedoch zu Störungen der Darmfunktion kommen, wenn die Strahlung die an die Prostata angrenzende Darmschleimhaut schädigt. Eine mögliche Folge seien schmerzhafte Stuhlgänge: „Hier zeigt die Erfahrung jedoch, dass Patienten mit einer zuvor guten Darmfunktion nach der Radiotherapie seltener Probleme bekommen“, ergänzt der DEGRO-Präsident.

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  • Der Kongresspräsident: Prof. Dr. med. Dr. h.c. Manfred Kaufmann
    Krebskongress 2008

    Die Deutsche Krebsgesellschaft erwartet über 7.000 Experten zum 28. Deutschen Krebskongress vom 20. bis 23. Februar 2008 in Berlin. Das Motto des größten Deutschen Kongress über Krebserkrankungen, der alle zwei Jahre stattfindet, ist dieses Mal „Wissen teilen – Chancen nutzen“. Auf der Auftaktpressekonferenz wurden heute die Themen vorgestellt und wie die Entwicklung in der Zukunft für die Diagnostik und Therapie von Krebs aussieht. Außerdem wurden die neuesten Daten der Krebsregister in Deutschland vom Robert-Koch-Institut dargelegt.

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