Werden wir in Klinik und Praxis krank?

Prof. Dr. med. Florian M.E. Wagenlehner -Quelle: Wahlers-PR
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Bakterien stellen die am weitesten verbreitete Lebensform auf unserer Erde dar. Sie finden sich auf den höchsten Bergen und in den tiefsten Meeren, in den heißesten Quellen und in tiefgekühltem Polareis. Man schätzt, dass Bakterien bis zu 90% der gesamten lebenden Biomasse stellen. Auch in Pflanzen, Tieren und Menschen findet sich ein Kosmos dieser einzelligen Lebensformen. Bakterien konnten sich über Jahrmilliarden an ihre unterschiedlichen Lebensumstände anpassen. Hierzu haben sie viele verschiedene Strategien entwickelt sich gegen andere Lebensformen zu verteidigen. Zum Beispiel produzieren viele Pflanzen und Pilze Antibiotika oder antibiotikaähnliche Substanzen, gegen die bestimmte Bakterienarten, wenn sie in Kontakt mit solchen Substanzen gekommen sind, Abwehrmechanismen entwickelt haben. Diese Abwehrmechanismen finden sich letztlich natürlicherweise bereits in den verschiedensten Bakterienarten.

Multiresistente Problemkeime

Bakterien stellen zahlenmäßig den Hauptanteil der Zellen unseres Körpers dar. Man schätzt, dass wir 10-mal mehr Bakterienzellen als menschliche Zellen in uns tragen. Bakterien übernehmen hierbei wichtige Funktionen unseres Körpers und sind generell für unsere Gesundheit, für die Verdauung, den Stoffwechsel oder die Immunität unabdingbar.

Ein Leben ohne Bakterien ist für uns Menschen deswegen nicht möglich. Wir leben in unserem Körper mit mehr als tausend unterschiedlichen Bakterienarten zusammen. Sozusagen trägt jeder Mensch seinen spezifischen Mikrobenzoo in sich, wobei die unterschiedlichen Arten normalerweise in einem ausgewogenen Gleichgewicht in ihrer spezifischen Nische vorkommen.

Einige wenige Bakterienarten können uns aber auch krank machen, entweder aufgrund ihrer natürlichen Virulenz oder weil das Abwehrsystem unseres Körpers durch Krankheiten oder andere Einflüsse, wie z.B. Katheter, so reduziert ist, dass auch weniger virulente Bakterien eine Infektion auslösen können. Diese Situation findet sich gehäuft bei Menschen im Krankenhaus oder einer Arztpraxis und ist zunächst nicht besonders von der Virulenzausstattung der Bakterien abhängig.

Üblicherweise finden sich in solchen Fällen Bakterien, die natürlicherweise auf der Haut, Nase, Mund oder im Darm vorkommen. Da jedoch abwehrgeschwächte Patienten häufiger an Infektionen erkranken, erhalten diese Patienten auch häufiger Antibiotikatherapien, was letztlich einen Wachstumsvorteil für Bakterien mit Resistenz gegen bestimmte Antibiotika bedeutet. Da Bakterien untereinander kommunizieren, indem sie z.B. Informationen mithilfe von Genen austauschen, findet auch in unserem Körper ein reger Genaustausch unter den verschiedenen Bakterien statt, was u.a. zur Vermittlung von Antibiotikaresistenz führt.

Resistente Bakterien können sich jedoch auch bei gesunden Menschen in den eigenen Mikrobenzoo einreihen, ohne dort notwendigerweise eine Krankheit verursachen zu müssen. In den letzten Jahren und Jahrzehnten hat sich insbesondere bei Bakterien, die natürlicherweise in der Nase, auf der Haut und im Darm vorkommen, eine zunehmende Resistenz gegen die normalerweise zur Behandlung zur Verfügung stehenden Antibiotika eingestellt. Solche Bakterien werden deswegen auch multi-resistente Bakterien genannt. Hauptursache für die Entstehung multi-resistenter Bakterien sind der unkritische Einsatz von Antibiotika in Kombination mit unzureichender Hygiene.

Antibiotikatherapien sind aber häufig nicht vermeidbar und ihr Bedarf steigt tendenziell durch eine immer älter werdende, infektionsgefährdete Bevölkerung und eine steigende Zahl aufwendiger medizinischer Maßnahmen und Therapien. Verursachen diese multi-resistenten Bakterien bei bereits kranken Patienten eine Infektion, so sind die Behandlungsmöglichkeiten mit Antibiotika reduziert und deswegen die Möglichkeit eines therapeutischen Versagens erhöht. In Deutschland wird die Zahl solcher Infektionen, die in Klinik oder Praxis entstehen, auf etwa 400.000 pro Jahr geschätzt, wobei ca. 10.000 Patienten auch daran
versterben.

Die wichtigsten Erreger sind hierbei Methizillinresistente Staphylokokkus aureus und sogenannte ESBLbildende Darmbakterien. Da sich diese Bakterien problemlos in die körpereigene Flora einreihen, sind sie mittlerweile sehr weit in der Gemeinschaft verteilt und bei etwa 75% der Patienten, die in das Krankenhaus eingewiesen werden, bereits bei Aufnahme in die Klinik vorhanden. Der Einsatz von Antibiotika führt dann dazu, dass diese Bakterien sich im Körper weiter ausbreiten und eventuell eine Infektion verursachen können. Insbesondere bei den ESBL-bildenden Darmbakterien zeigt sich eine immense Zunahme in der Häufung in den letzten Jahren, was besonders dramatisch ist, da es in absehbarer Zeit hier keine neuen Antibiotika geben wird.

Es wurden international bereits die ersten Darmbakterien beschrieben, die gegen alle zur Verfügung stehenden Antibiotika resistent sind, was der Anfang eines post-antibiotischen Zeitalters ist. Diese zunehmend gefährliche Situation kann nur durch eine Kombination aus einem klugen Umgang mit Antibiotika und einer ausreichenden Infektionskontrolle bewältigt werden. Diese Strategien können sich nicht nur auf das Krankenhaus beschränken, sondern müssen auch in der Gemeinschaft umgesetzt werden.

Hierzu hat die Deutsche Gesellschaft für Urologie eine neue S3-Leitlinie federführend unterstützt, bei der diese Aspekte in der Therapie unkomplizierter Harnweginfektionen bereits umgesetzt worden sind. Weiterhin beteiligen sich deutsche urologische Kliniken seit 2003 regelmäflig an einer jährlichen Prävalenzstudie zur Erfassung Krankenhauserworbener Infektionen in der Urologie, welche weltweit von der Europäischen Gesellschaft für Infektionen in der Urologie (ESIU), einer Gesellschaft der Europäischen Assoziation für Urologie (EAU) ausgerichtet wird.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass multiresistente Erreger ein zunehmendes Problem auch in der Urologie darstellen. Die Ursachen hierfür sind jedoch weit gestreut und nicht auf Kliniken oder Arztpraxen beschränkt. Letztlich kann nur eine umfassende Strategie einer Antibiotikapolitik und Infektionskontrolle dieser Entwicklung entgegenwirken.

Das Video zum Vortrag:

Statement: Prof. Dr. med. Florian M.E. Wagenlehner


Krebszeitung

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